Der Irrgarten in meinem Kopf

22. April 2015

Hallo Tina,

 

wir sind uns in den vergangenen Wochen in Heiligenfeld sehr nah gekommen. Emotional. Zusammen sind wir durch die Abgründe unserer zutiefst abgelehnten Gefühle von Schmerz, Leid, Angst und Wut gegangen. Tiefenpsychologischen Gruppentherapie. Wir haben uns Dinge erzählt, die wir sonst nicht mal unseren besten Freunden erzählen, haben alle bekannten Stufen eines Kennenlernprozesses übersprungen und schon 48 Stunden nach der ersten Begegnung über Ängste, unserer Vergangenheit und über die tiefsten Problemen gesprochen. Ein solches Kennenlernen in einer Klinik habe ich immer als etwas ganz besonders Echtes empfunden. Jeder hat seine ganz individuelle Lebensgeschichte und doch trifft man sich in einem gemeinsamen Prozess, in einer sehr abgedrehten Phase des Lebens; An einem Punkt, wo von Anfang an die Fassade zusammenbricht und man den echten Menschen mit all seinen Facetten sieht und fühlt. Das ist wohl ein Psychiatriephänomen aber in Heiligenfeld ist das ganze noch viel extremer. Alles ,ist darauf ausgelegt, möglichst schnell und tief in die verdrängten Gefühle einzutauchen und sie mit den Anderen Menschen zu teilen. Das gemeinsame Singen, die vielen kleinen Rituale, der mehrfach am Tag in allen Teherapien stattfindende Resonanzkreis, bei dem man sich an den Händen hielt und eine innere und äußere Verbindung aufbaut, die Meditation, die wortlosen Begegnungen in der Stille-Zeit. Das extreme Wir-Gefühl in der Kerngruppe, das tägliche Gemeinsame Essen, die wöchentlichen Verabschiedungen und die Willkommensfeier der neuen Patienten. Die heilsamen therapeutischen Rituale im Plenum vor der gesamten Patientenschaft. Das gegenseitige durchs Wasser tragen. Das alles führt dazu, dass man sich sehr schnell sehr tief kennen lernt, auf einer absolut authentischen Ebene. Ich habe noch keinen Ort gesehen, an dem man so schnell aufgeknackt und aufgeweicht wird und das vor den Augen und Herzen aller Anwesenden. So bekamen alle gleich einen authentischen Eindruck voneinander, aber uns beide verband noch etwas darüber hinaus, denn wir hatten uns schon auf der Fahrt nach Bad Kissingen im Zug kennen gelernt. Mit den Menschen, die am selben Tag wie man selbst die stationäre Psychotherapie beginnen, fühlt man sich eben besonders verbunden. Man hat ein gemeinsames Grundthema, gewöhnt sich gemeinsam an die neue Situation, lernt alles kennen.

Als wir uns das erste mal trafen, hatte ich noch den zutiefst verhärteten Glaubenssatz: ich kann nie wieder – oder zumindest noch lange nicht – irgendwas mit einer Frau anfangen. Zu tief war ich verletzt, zu viel Angst vor Verletzungen hatte ich und zu viel Arbeit war nötig, um mit mir selbst klarzukommen. Dann kam der Tag, an dem wir nachmittags zusammen in einer Therme saunieren gingen und uns zusätzlich zum emotionalen Seelenstrip dann auch noch körperlich nackt gesehen haben... Als du abends an meiner Tür geklopft hast und auf meinem Bett saßt, begann ich langsam zu begreifen, dass es in mir wohl doch ein ziemlich starkes Bedürfnis nach Nähe gibt, was ich sehr lange verdrängt habe.

Wir redeten, glitzerten und funkelten uns an, verstanden uns. Ein echter ehrlicher Austausch an einem ganz besonderen Ort. Wir legten uns in mein Bett, hörten ruhige Ambient Musik, kuschelten ein bisschen, genossen die Nähe. Einfach sein. So wie wir sind. Für Dich vermutlich nichts Besonderes, für mich zu dem Zeitpunkt ein merkwürdig gemischtes Gefühl von Genuss, Vertrauen, sich öffnen, alte Verletzungen überwinden, neue Erfahrungen machen. Ich kann noch Nähe zulassen und sie sogar genießen nach all den Eskapaden der Vergangenheit . Ich streichel dir den Rücken und den Kopf. Wenn ich dir auf der Innenseite deines Arms mit den Fingerkuppen entlang streiche, bekommst du Gänsehaut und schnurrst wie ein Kätzchen. Du ziehst dein Oberteil aus, schaust mir tief in die Augen und lächelst. Wir sind echt. Zwei verkopfte Kontrollfreaks lassen sich fallen. Wir decken uns zu, berühren uns, sind und ganz nah. Ich berühre deine Brüste und du wirst ganz weich. Überhaupt bist du so weich, so nah an mir dran. Ich weiß, dass wir niemals über über das, was wir hier tun, während wir zusammen in Heiligenfeld sind, hinaus gehen werden. Müssen wir auch gar nicht. Uns verbindet gerade mehr und doch lässt sich von dem Zauber sicher nichts mit in das Leben nehmen, was wir nach der Therapie wieder aufnehmen werden. Und das ist völlig ok. Für dich ist es etwas, was ich nicht ganz verstehe. Vielleicht ein Abenteuer, ein „Kurschatten“, für mich ist es eine Erfahrung, die dem Prozess der Therapie die Krone aufsetzt. Gelebte Emotionen, authentischer Kontakt... Eine korrigierende Erfahrung, die mich die Vergangenheit abschließen lässt. Klar, ein bisschen zu gut als richtig wäre finde ich Dich wohl, aber damit kann ich umgehen. Es gibt nur das jetzt und das jetzt ist voll gut.

Nach der Verschmelzung schlafen wir ineinander verschlungen ein. Danke für dieses Erlebnis, was mir gezeigt hat, dass ich meine emotionale Verschlossenheit und Distanz aufgeben möchte. Zu gunsten ehrlicher Nähe. Ich hab dich nicht nur in mein Bett gelassen, ich habe dich auch ein Stück weit in mein Herz gelassen in dieser Nacht. Für mich war das die logische Konsequenz des echt werdens und des Öffnen des Herzens in Heiligenfeld. Powered by emotion.

Jon

22.4.15 10:53

Letzte Einträge: 30. März 2015, 31. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 14. April 2015

bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Saline / Website (30.11.15 08:58)
Ein sehr berührender, offenherziger und sensibler Artikel! Waren wohl die schönsten 5 minuten des heutigen Tages für mich diesen zu lesen. LG Salina :-)


waltraud / Website (8.3.16 14:43)
Sehr schön geschrieben! Ich würde das nie so zum Ausdruck bringen können :-)


henriette / Website (23.3.16 12:25)
Wunderschöner Artikel :-( ) Schöne und vor allem liebe Grüße von der Pfalz, Henriette


tina / Website (24.4.16 14:40)
ein sehr interessanter Beitrag!


Hermine Klagins / Website (9.7.16 10:37)
Gottes Wege sind oft unergründlich :-) Herzliche Grüße aus dem Süden!


lucinda / Website (6.12.16 19:14)
wunderschönes Bekenntnis. Kann man sich voll hineinversetzen! :-)


fabiola / Website (3.1.17 18:53)
wirklich wahrhaft einzigartig!

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