Der Irrgarten in meinem Kopf

14. April 2015

Mein Sohn,

wenn ich meinen Weg der letzten Jahre betrachte, sehe ich so viele Ansätze, die ich verfolgt habe. So viele Methoden und Techniken, so viele Heilungswege, die ich versucht habe, zu beschreiten. Ich wollte wieder gesund werden und habe dafür fast alles ausprobiert, was man ausprobieren kann. Immer eins nach dem anderen, nie aber habe ich alle Facetten gleichzeitig in Augenschein genommen.

In den Anfängen meiner kognitiven Verhaltenstherapie – kurz nach dem die Blase abgespaltener Ängste vor nun bald 5 Jahren platzte – habe ich mich mich monatelang der Konfrontation mit vermeintlich angstbesetzten Situation hingegeben. Exposition. Ein kräftezehrender Kampf mit dem Ziel, meine Ängste auszuhalten und sie dadurch zu überwinden.

Später als depressive Symptome hinzukamen habe ich in der Depressionsbewältigungstherapie versucht mit Hilfe des verhaltenstherapeutischen ABC-Modells meine Kognitionen und Gedanken dauerhaft zu verändern. Dysfunktionale, depressionsfördernde Denkweisen durch andere, bessere, neutralere auszutauschen. Ein Kampf gegen Windmühlen, der immer nur für eine gewisse Zeit erfolgreich war – bis zur nächsten großen Krise, in der all die alten Denk- und Verhaltensmuster mit voller Wucht zurück kehrten. Logisch, schließlich hatte ich mir die dahinter liegenden Konflikte nicht angeschaut. Dann habe ich immer wieder versucht mit therapeutischer Unterstützung Emotionsregulation und Anspannungsreduktion zu betreiben, um meine Stabilität beizubehalten oder wieder herzustellen, wenn ich wieder in Krisen hineinglitt. Dabei versuchte ich auch immer wieder die äußeren Umstände zu verändern, um mich besser zu fühlen.

Nach dem ich mehr und mehr realisierte, dass die klassische kognitive Verhaltenstherapie falsch liegt, wenn sie behauptet, man könne seine Gedanken dauerhaft kontrollieren und umstrukturieren, wendete ich mich einem neuen Ansatz zu: Akzeptierende Achtsamkeit. Akzeptanz und Commitment Therapie statt Kampf gegen mich selbst und kognitive Umstrukturierung.

Gleichzeitig wendete ich mich nach therapeutischen Rat offiziell von Psychotherapie ab und versuchte den Fokus – ganz im Sinne von Commitment – auf den Aufbau von Werten und auf das Leben im allgemeinen zu richten. Weg von der Beschäftigung mit psychotherapeutischen Themen, hin zum Leben. An sich kein schlechter Weg. Im Nachhinein haben mich die Verhaltenstherapeuten in Falkenried wohl einfach abschieben wollen. 2 Jahre Verhaltenstherapie hat nicht gefruchtet, da waren sie dann mit ihrem Latein am Ende. Und ich auch.

Währenddessen lagen die tiefunbewussten Konflikte, die mich immer wieder in die selben Muster und Krisen hineinführten, weiterhin latent unbearbeitet in mir brach und färbten eher unterschwellig meine Wahrnehmung – bis sie sich dann in der nächsten Krise wieder mit aller Gewalt in den Vordergrund drängten und zu schreien schienen: „Schau mich endlich an! Fühle mich endlich vollständig!“

Regression in kindliche Bewusstseinszustände, alte infantile Muster der komplexen Traumatisierungen meiner Kindheit, von denen ich dachte, dass sie in meinem Leben längst keine Rolle mehr spielen. Ohnmacht, Kontrollverlust, Verzweiflung, Angst. Angst vor der kompletten Vernichtung? Mehrere stationäre Klinikaufenthalte, in denen immer wieder die selben psychotherapeutischen Schablonen über mich rüber gestülpt wurden. Agoraphobie, rezidivierende Depression. Da hilft natürlich nur das Lehrbuchprogramm: positive Aktivitäten und Exposition. Das ich im Grunde nie wirklich depressiv war, sondern, im Gegenteil, viel zu intensiv fühlte und unter den komplexen Auswirkungen all meiner Traumata auf die gesamte Identität litt, erkannte niemand. Wollte wohl auch niemand sehen. Hauptsache der Junge wird arbeitsfähig entlassen.

Erst als ich in Heiligenfeld mit meinen Emotionen konfrontiert wurde, begann ich damit, wirklich hinzusehen. Integrativ, ganzheitlich.Tiefenpsychologisch. Und ich begann - die Komplexität meiner Erkrankung anerkennend - zu begreifen, dass auch die weitere Behandlung komplex sein und alle Ebenen umfassen muss: Körper, Geist, Emotionen, Spiritualität und Beziehungen. Und nicht immer nur eine Facette zur Zeit, wie in den Jahren zuvor. Ich erkannte, wie wichtig und ausschlaggebend Beziehungserfahrungen für die Entstehung psychischer Probleme waren und wie wichtig Beziehungsgestaltung auch für die Genesung ist. Ich begann wieder zu fühlen. Natürlich hat sich nach diesen 6 Wochen geballter powered by emotion Therapie nicht alles in Wohlgefallen aufgelöst. Aber ich habe einen Eindruck davon bekommen, welche Wege ich in Zukunft beschreiten möchte und das ich liebevoll mit mir umgehen sollte.

Sicher ist es ratsam, all die eckigen Kanten der Persönlichkeit humorvoll zu betrachten. Sie als Neurosen zu sehen, die die Erlebnisse der Vergangenheit geschaffen haben. Auf liebevolle, akzeptierende Art und Weise, mit selbstironischem Witz. Manchmal kann es so befreiend sein, einfach mal über sich selbst zu lachen. So lässt man nicht nur den Selbstdruck los und bringt Lockerheit und Gelassenheit ins Leben zurück, man entschärft so auch die selbstverurteilende Bewertung und schafft Raum für heilsame Veränderung. Denn wenn man die selbstzerfleischenden Gedankenspielerein als das betrachtet, was sie sind – Neurosen der Vergangenheit -, ohne sie ausradieren zu wollen, kann man sich selbst mit Humor begegnen. So verschließt man sich dem Fluss des Lebens nicht mehr, der bekanntlich aus Veränderungen, Humor und Paradoxien besteht. Die Identifikation mit den alten Mustern schwächt sich ab, eine humorvolle, selbstironische Akzeptanz entsteht: ein Nährboden, auf dem neue, gesündere Muster wachsen können. Dafür müssen wir uns nicht anstrengen, sondern – im Gegenteil – loslassen.


Dein Papa

14.4.15 13:07

Letzte Einträge: 30. März 2015, 31. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 22. April 2015

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