Der Irrgarten in meinem Kopf

31. März 2015

Lieber Levi,

 

wenn ich an Heiligenfeld zurück denke und an das, was mich dort so lebendig hat werden lassen, dann ist es die Ganzheit, die ich dort an mir selbst und im Kontakt zu anderen Menschen erleben durfte.  Manchmal suche ich Formulierungen, um zu beschreiben, was ich mit Ganzheit meine. Dann fallen mir kitschige Formulierungen ein wie „Der Weg des Herzens“, „Der Weg der Liebe“, oder „Der Weg der Achtsamkeit“. Aber die schlichte, einfache Formulierung „Der Weg der Ganzheit“ (nicht „Der Weg zur Ganzheit“ !) trifft es doch am besten. Nun, was bedeutet das?

Ganz werden bedeutet, sich dem Fluss des Lebens nicht mehr zu verschließen, sondern sich mit Emotionen, Menschen, Werten und der Liebe zu verbinden. Auf einer Ebene, die alles mit einschließt, was man an sich selbst nicht sehen will. Authentischer Kontakt zu sich selbst wird erst möglich, wenn ein authentischer Kontakt zu anderen Menschen besteht – und umgekehrt. Ganzheit bedeutet, alle Facetten des Selbst anzuschauen und innere Konflikte aufzulösen, in dem allen Polaritäten und Gegensätzen Raum gegeben wird. Innere Konflikte entstehen nur durch die Bewertung. Wo Sonne ist, ist auch Schatten, wo Licht ist, ist auch Dunkelheit. Wo Freude ist, ist auch Trauer und wo Mut ist, ist auch Angst. Wir tragen alle Gegensätze in uns. Dies zu akzeptieren, bedeutet Frieden zu schließen und den Krieg der inneren Konflikte zu beendnen. Und darüber hinaus: wir sind so viel mehr als die Summe unserer Gegensätze.

 

Ganzheit bedeutet auch zu verzeihen. Altes loszulassen, wenn es seinen Sinn verloren hat, um offenen Herzens Neues in das Leben zu lassen. Vertrauen in den Lebensweg zu entwickeln, Nähe statt schützende Distanz  zu wagen. Zu sich selbst und anderen Menschen. Auch wenn wir in der Vergangenheit verletzt wurden. Vertrauen in die Richtigkeit der Innenschau, Vertrauen, dass in uns nicht ist, was in der Verborgenheit des Unbewussten bleiben muss. Was bleibt vom Leben, wenn wir durch unsere alten Verletzungen abgeklärt und unnahbar werden?

 

Ganzheit bedeutet  verborgene Schätze zu heben, Frieden zu schließen und aus den traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit herauszuwachsen, ohne sie zu verleugnen. Ganzheit heißt, die Augen nicht mehr vor dem zu verschließen, was uns zutiefst schockiert hat, und aus dem Autopilotenmodus heraus zu kommen – stattdessen jeden Augenblick des Lebens mit Bewusstheit und Liebe zu betrachten. Und, ganz wichtig, uns nicht mehr selbst dafür zu verurteilen, wenn wir das mal wieder nicht schaffen, weil wir mit alten Verletzungen identifiziert sind.

 

Ganzheit bedeutet nicht, nie wieder Fehler zu machen oder nie wieder mit Illusionen zu verschmelzen. Vielmehr bedeutet Ganzwerden immer und immer wieder hinzuschauen und aus der Identifikationen mit falschen Illusionen herauszutreten und bewusst zu handeln – im Sinne dessen, was uns wichtig ist. Liebevoll mit sich selbst und mit anderen Menschen umzugehen, denn natürlich beinhaltet Ganzheit auch die Erkenntnis, dass alles eins ist. Der Weg der Ganzheit bedeutet, das der Weg nie zu Ende ist. Ganzheit ist ein heilsamer Prozess, kein Ziel.

 

Ich denke es geht letzlich um Leidenschaft, um das Feuer im Herzen, um die Liebe, um Engargement um Verletzlichkeit und Offenheit. Vom Trauma zum Wachstum.

 

Dein Papa

31.3.15 17:34

Letzte Einträge: 30. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 14. April 2015, 22. April 2015

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