Der Irrgarten in meinem Kopf

30. März 2015

Hallo Levi,

 

ich glaube es wird noch ein bisschen dauern, bis ich meine Erzählungen über die Vergangenheit hier fortführen möchte. Momentan beschäftigt mich Anderes. Ich mag gerade gar nicht so viel über die Zeit mit deiner Mama schreiben. So viele neue Erfahrungen durfte ich während der Therapie in Heiligenfeld machen. Ich habe das Gefühl, dass es im Moment nicht so recht passt, wieder in die vergangenen Erlebnisse mit deiner Mama einzusteigen. Ich werde das nachholen, aber Zur Zeit mag ich mich lieber auf die Gegenwart und auf die Zukunft konzentrieren und auf die Erlebnisse der letzten 3 Monate, die alles für mich verändert haben.

 

Heiligenfeld wirkt nach. Nach wie vor. Ich bin dabei, die Erlebnisse zu sortieren. Dagegen habe ich mich lange gesträubt, denn sie waren so überwältigend, so schön, so schrecklich, allumfassend, emotional, dass ich sie nicht analytisch durchleuchten wollte.Nach all den Jahren verstandesbetonter rationaler Vorgehensweisen wollte ich das Erlebte einfach mal so stehen lassen. Als Erfahrung. Als Gefühl. Als Eindruck einer Zeit, die mich wieder daran erinnert hat, was ich einmal war, was ich im Moment bin und was ich in Zukunft sein könnte. Ein Eindruck davon, wie mein Leben wäre, wenn ich einen guten, gesunden Kontakt zu mir selbst und zu anderen Menschen hätte.

 

Ich kann dir sagen, der Übergang von diesen zauberhaften 6 Wochen zurück in meine normale Lebensrealität war hart. Schmerzhaft, desillusionierend, leer, kalt und sehr schwer. Natürlich geht es den meisten Menschen so: „Je besser die Klinik, desto härter der Aufprall“, sagte mein Therapeut. Wenn man vollkommen weichgespült, voller Achtsamkeit und konsequent aller Widerstände und Abwehrmechanismen beraubt offenen Herzens wieder in diese Seelenfresserrealität kommt, dann ist das heftig... Mein Aufprall war in sofern hart, als dass ich mich zurück versetzt sah in Lebensumstände, die mich krank gemacht und gehalten haben. Lebensumstände, die ich so wie sie sie sind, gar nicht mehr will, die ich aber nur sehr langsam und stückweise verändern kann. Das frustriert.

 

Ich möchte nicht mehr emotional isoliert Leben und nur kurze, oberflächliche Beziehungen zu anderen Menschen zulassen, um mich in Scheinsicherheit und Kontrolle zu wiegen. Ich möchte das gesamte Repatoir an Gefühlen in mein Leben hinein lassen und mich nicht mehr vor den schwierigen verschließen, aus Angst sie könnten sie mir schaden. Heiligenfeld hat mir da ganz klar den Spiegel vorgehalten und mir fiel wie Schuppen von den Augen: nicht meine schrecklichen, angstvollen Gefühle waren in den letzten Jahren das Problem. Das Problem war, dass ich mich geweigert habe, sie zu fühlen. Natürlich stauen sie sich dann auf und irgendwann wird man Überflutet. Levi, ich habe mein halbes Leben die schrecklichen Gefühle meiner traumatischen Kindheit verdrängt. Ich habe sie so tief vor mir selbst versteckt, dass ich nicht nur ihre Existenz vergessen habe, sondern sogar, dass ich sie je versteckt habe. Wie sollte ich das auch aushalten? Meine Kindheit war über 10 Jahre lang von Angst, Gewalt, Gefahr und Eskalation geprägt. Im Therapeuten-Sprech würde man sagen: dysfunktionale Beziehungserfahrungen zu primären Bezugspersonen. Erlernte Hilflosigkeit, gebrochenes Urvertrauen.

 

Ich wil da jetzt gar nicht im Detail drauf eingehen, das kommt später noch im Laufe meiner Briefe. Ich will dir nur deutlich machen: ich hatte gute Gründe, das Gefühl Angst aus meinem Gefühlsleben herauszustreichen, abzuspalten, wegzuschieben. Über Jahrzehnte. Es war eine Überlebensstrategie. Dissoziation. Letztendlich habe ich wohl auch deswegen so viel gekifft. Kiffen beruhigt, kiffen lässt bei Dauerkonsum Gefühle abflachen und Kiffen ist ein sehr guter Helfer, wenn man Angst oder sonstige schwierige Gefühle aus seinem Leben streichen möchte. All die Gefühle, die ich nie fühlen wollte, all die Ängste, Zweifel und Sorgen stauten sich auf. Wie ein Ball oder eine Blase – randvoll mit all den schrecklichen Gefühlen, die man am liebsten niemals wieder anschauen geschweigedenn fühlen will . Mit genug Kraft kann man sie unterhalb der Wasseroberfläche halten. Und wenn man sich nur lange genug einredet,  man hätte die traumatischen Erfahrungen aus der Kindheit ja längst aufgearbeitet, schließlich könne man sich ja an sie erinnern, kann man sogar vergessen, dass man die Blase die ganze Zeit mit voller Kraft unter die Wasseroberfläche drückt. Wissen ist eben nicht fühlen. Dann wundert man sich eher über Rückenschmerzen, Unzufriedenheit, allgemeines Misstrauen gegenüber dem Leben oder soziale Isolation.  

 

Aber wenn die Kraft nachlässt, wenn die Lebenssituation sich zuspitzt oder die selben Dynamiken wie die der tiefsten kindlichen Traumatisierungen annimmt – dann, ja dann.. platzt die Blase. So geschehen vor nun bald 4,5 Jahren.  Sie Saamen der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, die in der Kindheit gesäät wurden, seit dem latent vorhanden waren und sich jahrzehnte lang nur in geringfügigen Symptomen zeigte, keimten auf. Und war so massiv, dass ich innerhalb weniger Tage nur noch ein kleines, klitzekleines Ding war, was so große Angst hatte, wie es sich nie hätte vorstellen können, dass dies möglich sei. Aber davon habe ich dir ja schon erzählt.

 

Erstaunlicherweise habe ich schon vor 7-8 Jahren, lange bevor mir all dies bewusst wurde, intuitiv eine interessante Geschichte geschrieben, die ich Dir an dieser Stelle zeigen möchte. Schon damals schien ich auf irgendeiner Ebene zu ahnen, was in mir brodelt.

 

„Der Kleine Kobold und die Misere

Eines tages erblickte ein lustiger kobold das licht der welt. Er war überrascht, wie kalt es auf der welt war, hatte er sich doch in seiner entstehungszeit in einer wunderbar weichen, warmen höhle befunden, in der alle seine bedürfnisse von ganz allein erfüllt wurden. Ohne sein zu tun. Zwar hatte er schon eine ahnung davon bekommen, dass die existenz als lustiger kobold nicht nur lustig, weich und lieb ist, sondern dass es auch mächte gab, die es nicht nur gut mit ihm meinten. Schließlich wurde er einst brutal und plötzlich aus der warmen wohligen höhle herausgezogen. Nie hätte er jedoch gedacht, dass dies nur der anfang des ganzen übels war. Nun stand er in der welt, beeindruckt von der kälte, geschockt von der weite, betroffen von der härte. Ohne einen plan. Er suchte vergleiche zu alten dingen. Dinge, die er erlebt hatte, bevor er in diese welt kam. Um orientierung zu finden. Es half alles nichts, er fühlte sich allein und sinnlos. Was sollte er hier für eine aufgabe erfüllen? Was macht das für einen sinn? Da sah er einen kleinen pilz am wegesrand stehen, der ihn anzulächeln schien. Der pilz sprach zu ihm: “Hallo kleiner Kobold! Ich habe dich schon erwartet!”. Der kleine kobold schaute verdutzt aus der wäsche und war ein bisschen erschrocken. Ein pilz, der sprechen kann. Das konnte einem schon ein bisschen Angst einjagen. Aber im innersten war er froh. Froh, jemanden gefunden zu haben, der ihn erwartet.

“Verspeise mich. Vielleicht dir dann alles etwas klarer", sprach der pilz.

Der kleine kobold sah ängstlich aus und aß schnell den pilz auf, ohne zu kauen, um der sache ein ende zu setzen. Sofort begann er zu glühen. Davon bekam er noch mehr angst, die sich jetzt in panik verwandelte. Er schien sich aufzulösen, in viele teile zu zerspringen. Immer mehr schichten blätterten von ihm ab. Es zerlegte ihn in alle einzelteile. Todesangst. Bis nur noch ein Ding übrig blieb. Ein klitzekleines Ding, was unheimlich viel angst verspürte. Doch dann begann es auch noch zu stürmen. Immer heftiger. Das kleine Ding vergaß immer mehr,  wer es eigentlich war, klammerte sich an die letzten fitzel angst, die noch nicht hinfort geweht wurden. Doch alle mühe war umsonst. Es konnte sich nicht mehr halten, wurde weggeweht und löste sich komplett auf.

"Jetzt ist kein kobold mehr da", dachte sich der kobold. Und keine angst. Und kein Kobold. Nur noch eins:  Nichts. "Jetzt kann ich endlich einfach sein" dachte sich das nichts. Aber es hatte die rechnung ohne den kobold gemacht. Er war schon wieder im begriff, sich wieder zusammenzusetzen, um dem nichts ein ende zu bereiten. Schicht für schicht. Die angst ließ er aus bequemlichkeit aber am boden liegen. dort, wo man sie nicht sehen musste, wo sie keiner finden würde. Wieder zusammen gesetzt wurde sich der kobold seiner lage bewusst. Dualität. Koboldhaftigheit. Alles strahlte, er balancierte zwischen den grashalmen hindurch, um keinen von diesen wunderbaren geschöpfen kaputt zu machen und machte sich auf den weg zu neuen abenteuern und aufgaben. Dass er die angst auf dem waldboden liegen gelassen hatte, damit sie keiner je finden würde, hatte er längst vergessen.“

30.3.15 20:47

Letzte Einträge: 31. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 14. April 2015, 22. April 2015

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