Der Irrgarten in meinem Kopf

2. März 2015

Heiligenfeld – ein Erfahrungsbericht

 

Wie soll man etwas beschreiben, was so vielschichtig, überwältigend emotional, berührend und so tief verändernd ist? Ich war so weit weg von mir selbst, so entfremdet, verschlossen und so wenig im Kontakt – weder mit mir selbst noch mit anderen Menschen. Man kann sagen, dass ich mich von anderen Menschen und dem Leben zurück gezogen habe. Ab und zu erlaubte ich einigen wenigen kurz Einzug in meinen kleinen Mikrocosmos zu halten. Aber bloß nicht zu tief. Und nicht zu lange. Und nicht zu oft. Ich wollte in Sicherheit bleiben, die Kontrolle behalten. Zu tief verletzt war ich, abgrundtief verletzt, so sensibel, schockiert und gleichzeitig bedürftig. Ich dachte immer, ich muss erst wieder ganz werden, wieder heil, gesund und stabil sein, dann kann ich vielleicht wieder in einen intensiven Kontakt mit anderen Menschen treten – und das auch genießen. Aber das Gesundwerden musste ich ganz alleine schaffen. Nur ich und meine Gedanken – und wenn es sein muss auch meine Gefühle. Aber bitte nur die Guten. Einen Therapeuten als helfende Person konnte ich gerade noch akzeptieren, aber im Wesentlichen musste ich den Weg selbst gehen. All den Schmerz verarbeiten. Mein Denken verändern, meine Gefühle ins Gleichgewicht bringen, wieder belastbarer werden, damit ich Verantwortung für mich, für meinen Sohn und für einen Job übernehmen könne. Alleingang. Einzelkämpfer. Wozu andere Menschen, wenn ich den Therapieprozess doch eh allein bewerkstelligen muss? Isoliert, verbissen und fast schon schrecklich perfektionistisch. Fehler machen und unperfekt sein? Keine Chance. Perfektionismus heißt Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Angst Fehler zu machen, heißt Angst vor Tadel. Und Angst vor Tadel heißt letztlich Angst vor Ablehnung oder noch tiefer: Angst vor Distanz,Angst vor dem Verlust von Geborgenheit, Angst allein gelassen zu werden.Von mir selbst und von Menschen, die mir wichtig sind. In Anbetracht meiner Angst, allein gelassen zu werden, ist es nicht fast schon grotesk, dass ich mich konsequent abschottete? Ich bemühte mich nach Leibeskräften alles richtig zu machen, mich zu therapieren, zu verändern, die äußeren Umstände zu Kontrollieren, um mir innere Sicherheit zu verschaffen. Wo war da noch Platz für andere Menschen als mir selbst oder gar für eine neue Beziehung zu einer Frau? Das war das Letzte, was ich mir vorstellen konnte. So tief verletzt werden.. daswollte ich niemals wieder erleben. Zu einer neuen Frau eine solche Nähe zuzulassen, wie zu Sabrina konnte ich mir nicht vorstellen. Und auch sonst keine Nähe. Das hätte ja bedeutet, Kontrolle abzugeben, ausgeliefert und abhängig zu sein. Verletzlich, weich, geöffnet. Gefahr, Gefahr, Gefahr. Ich musste schließlich hart sein, um zu überleben. Abgeklärt und statisch statt fließend, weich und lieb.

 

Mit dieser Haltung kam ich nach Heiligenfeld, dem Ort des Aufweichens. Intuitiv wusste ich, was meine Ziele dort sein müssten: Ganzheit herstellen, nichts mehr von dem, was in mir ist, abzulehnen, meine Gefühle wieder als das wahrzunehmen, was sie sind: Gefühle. Und keine schrecklich gefährlichen Katastrophen, die man am besten gut unter Kontrolle hält, damit sie das Leben nicht immer und immer wieder zerstören, so wie in den vergangenen Jahren. Aber dabei durfte mir gefälligst niemand zu nahe treten. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Am besten alle schrecklichen Gefühle in einen Eisschrank sperren, vergraben und den Schlüssel wegschmeißen. Dass es gar nicht meine Gefühle waren, die mein gerade wieder aufkeimendes Lebem wieder und wieder erstickten, sondern das nicht-fühlen-wollen und das damit einhergehende Aufstauen, bis irgendwann das Fass überläuft, war mir in dem Ausmaß nicht klar. Das heißt, ich hatte schon eine Ahnung davon. Aber wie sollte ich etwas ändern? Schließlich hatte ich alles versucht, was man nur versuchen kann. Nur eines nicht: in einen authentischen Kontakt mit anderen Menschen treten.

 

In Heiligenfeld wurde ich sofort mit meinen tiefsten Gefühlen konfrontiert und ich machte die Erfahrung, sie vor der gesamten Patientenschaft zu fühlen, auszudrücken und durch mich durch fließen zu lassen. Ich erinnere mich an mein Statement im Plenum, nach dem die Patienten, die die Klinik verließen, heftig emotionale Reden hielten, die mich bis ins Mark berührten. Als die neuen – also auch ich – begrüßt wurden, sagte ich nur „Ich bin gerade dermaßen geflasht, ich glaube so stark hab ich mich selbst seit Jahren nicht mehr gespürt“. Ich weiß gar nicht, was es war. Vielleicht Mitgefühl, ergriffen sein, zutiefst bewegt. Gelächter. Mitfühlendes, freundliches, akzeptierendes Gelächter. Keiner lehnte mich ab, alle waren berührt von meinem Gefühlsausbruch. Der abgeklärte neue Patient mit Mütze wurde aufgeknackt und liebevoll in Empfang genommen.

 

Heiligenfeld. Viel mehr als ein Krankenhaus. Eher eine Klinik für Menschen, die keine Kliniken mögen. Ein ganz besonderes Erfahrungsfeld, welches einem den kurzen Blick auf einen Zustand erhaschen lässt, wie das Leben auch sein könnte. Voller Achtsamkeit, Akzeptanz, Wertschätzung, Vertrauen und Liebe. Ein Ort der Tränen, des Tanzes, des Singens, des Ganzwerdens. Ein Ort der Heilung und Nachnährung. Zum ersten mal erlebte ich es am eigenem Geist: alle psychischen Probleme sind in Wirklichkeit Beziehungsprobleme. Kein Mensch kommt krank auf die Welt. Beziehungserfahrungen sind das, was uns Menschen formt. Und wenn alle psychischen Probleme Beziehungsprobleme sind, dann kann man sie doch wohl auch auch am besten in neuen  authentischeren Beziehungserfahrungen lösen?! Deswegen wohl auch das Prinzip der Kerngruppentherapie. Anfangs befremdlich, später fast überflüssig waren die kurzen 20 Minuten Einzeltherapie, die innerhalb einer Woche stattfanden. Der gesamte Rest findet in Gruppen statt. Die Kerngruppe als Lernfeld für neue Verhaltensmuster, korrigierende Erfahrungen, Trost, Unterstützung, Mut, Angst, Wut, Freude, Körperkontakt, Annahme und Mitgefühl. Ein Trainingsfeld für Menschen, die vom Leben schwer gebeutelt wurden und denen das Vertrauen verloren gegangen ist.

 

Habe ich vorher den etablierten Gruppen-Psychotherapie Wahlspruch „Störungen haben Vorrang“ als ein sich aus der Gruppe entfernen interpretiert, um die Anspannung einer emotional schwierige Situation allein zu regulieren, bekam diese Grundregel in Heiligenfeld eine neue Bedeutung. Geriet eine Person während der Gruppentherapie in eine schwierige Gefühlslage, zentrierte sich das Geschehen auf sie und sie wurde dazu angehalten, nicht die Gruppe zu verlassen. Im Gegenteil. Die Frage „Wie kann ihnen die Gruppe jetzt helfen?“ wurde in den Raum gestellt. So konnte die Person während ihrer heftigen Gefühle die Erfahrung machen: ich bleibe im Kontakt, verdränge das Gefühl nicht und die Anderen unterstützen mich dabei. Zum Beispiel durch Handhalten, Körperkontakt u.Ä. Vielleicht kann man sich selbst besser annehmen, wenn man die Erfahrung macht, nicht allein gelassen und abgelehnt zu werden, wenn man ein vermeindlich unerwünschtes Gefühl oder Verhalten zeigt? So entstehen wohl korrigierende, nachnährende Erfahrungen. Die Gemeinschaft trägt einen und das buchstäblich. So geschehen, als ich mich dazu durchrang, den verschlossenen Eisschrank in mir ein Stückchen zu öffnen und den Menschen, zu denen ich mittlerweile Vertrauen aufgebaut hatte, etwas von mir zu zeigen, was mit starken Schmerz, Angst und Leid behaftet ist. Noch während all dieser Gefühle trug mich die Gruppe auf Händen und wiegte mich summend hin und her. Loslassen, Vertrauen, getragen werden. Das nennt man dann wohl erfahrungsbasierte Psychotherapie. Wow. Wo passt der Heiligenfeld Runninggag besser als hier? Das war wirklich „Powered by emotion“.

 

Ebenso in einer Gruppentherapie mit ca 80 Leuten namens „Heilkraft der Stimme“. Es ist unglaublich intensiv, wenn sich so viele Menschen in einem großen, achteckigen Raum mit Glaskuppeldach zusammen finden und 30 Minuten ein mantra-artiges Meridianen-Lied singen, dessen Text lautete: „Ein Freund ist ein Mensch der die Melodie deines Herzens kennt, und sie Dir vorsingt, wenn du sie vergessen hast“ oder „Wie der Wind die Wolken treibt, trägt mich was durchs Leben. Alles fügt sich und es bleibt, innerer Frieden“ oder auch „Bin zu allem bereit, was die Seele befreit, trage Freude und Leid, durch die Zeit, atme tief, und mein Herz wird weit“. Dabei eine entsprechende Qi Gong Übung. Und das immer und immer wieder, bei jeder Widerholung eine neue Begegnung mit einem neuen Menschen. Sich in die Augen schauen, Kontakt herstellen, sich die Hände reichen und gemeinsam Singen. Unglaublich schön, zu tiefst emotional. Am Schluss liegen viele weinend auf dem Boden, haben Visionen, zittern, Gefühle brechen aus ihnen raus. Doch am Ende erleben die meisten ein Gefühl der Befreiung. Zur Integration schließt sich eine meditative Ruhephase an, in der ein zufälliges aber doch harmonisches Glockenspiel die letzten Reste von Blockaden harmonisiert.

 

Ich glaube das Wichtigste war die Erfahrung zu machen, wie zwischenmenschliche Beziehungen auch sein können. Nicht schrecklich dysfunktional und belastend, sondern verbindend. Gefühle teilen, Nähe zulassen, Wärme, Vertrauen und Geborgenheit statt Zwietracht, Konkurrenz, Leistungsdruck, emotionale Kälte und Missgunst.  Kontakt, Nähe und Wir-Gefühl , statt Ablehnung und Distanz und Ellenbogenmentalität. Echt werden statt Masken tragen. Ganz werden statt zu fragmentieren. Das Zusammenbrechen der Fassade zulassen und dahinter den echten Menschen sehen und spüren. Erfahrungen statt Gedanken. Aber auch Grenzen setzen, denn Kontakt erntsteht an der Grenze. Sich nicht mehr zu isolieren aus Angst verletzt zu werden. Größere Nähe zu erfahren, statt größere Distanz, wenn man authentisch etwas von sich zeigt, für das man sich schämt. Widerstände und Blockaden aufgeben, weichgespült werden. Das waren die wichtigsten Erfahrungen für mich. Die Nähe einer Frau zulassen, ja sie sogar in mein Bett lassen und die Nähe sogar genießen können. Verbundenheit empfinden und die Wut und Trauer der Vergangenheit wenigstens in dieser Zeit loslassen können. Überwältigend. Sich wieder ein bisschen verlieben, Annäherung und Kuscheln statt sich abzugrenzen. All das nennt man im Therapeutensprech wohl „korrigierende Beziehungserfahrungen“.

 

Ach, ich könnte noch so viel schreiben, all die Erkenntnisse erwähnen, das grundlegend neue Verständnis, was ich über mein Krankheitsbild entwickelte, die viele Therapien, die Facetten und blumig in allen Farben beschreiben, wie gerührt ich war, und wie traurig, als ich dieses Zauberland wieder verlassen musste. Letzten Endes kommt es aber wohl darauf an, etwas von dem Zauber mitzunehmen, die Erfahrung von Verbundenheit mit sich selbst und mit anderen Menschen in mein normales Leben zu integrieren. Symbiose und Autonomie müssen keine unüberwindbaren Gegensätze sein. So schaue ich auf meine Zeit in Heiligenfeld mit einem lächelnden und einem weinenden Auge zurück. Lächelnd gibt es mir Kraft und Sehnsucht nach einem Leben voller Intensität und Liebe, weinend verlasse ich die Menschen, mit denen ich so viel geteilt habe. Heiligenfeld? Kann man mit arbeiten würde ich sagen! ;-)

 

 

 

2.3.15 21:51

Letzte Einträge: 30. März 2015, 31. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 14. April 2015, 22. April 2015

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


:) (11.3.15 00:36)
Wunderbar geschrieben


Rene (20.11.15 03:16)
Super geschrieben und ich habe dort auch meine besten Erfahrungen sammeln dürfen.

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