Der Irrgarten in meinem Kopf

12. Januar 2015

Hallo Levi,

Ich habe Dir schon lange nicht mehr geschrieben. Bei mir und bei Dir war einiges los. Deine Oma hatte einen Schlaganfall und extrem hohen Blutdruck, nun muss sie Medikamente nehmen, war einige Tage im Krankenhaus. Ich habe in der Zeit in ihrer Wohnung gewohnt und ihren Hund versorgt. 

Dann hat man bei meinem Vater Vorhofflimmern festgestellt, also eine Herzkrankheit. Meine schwester und ihr Baby haben eine Lungenentzünding. Und deine Mama hat mir neulich erzählt, dass du nachts aufgewacht bist und panische Angst hattest, von Krokodilen gefressen zu werden und dass du keine Freunde hättest und keiner Dich lieb hat. Nicht mal dein Papa, ja, gerade dein Papa hätte Dich nicht lieb. Das hast du zwei mal gesagt.

Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie unglaublich weh es getan hat, das zu hören. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie Du darauf kommst. Nächtelang war ich wach. Letztlich konnte ich mir nur zwei Erklärungen vorstellen:

1) Meine psychische Erkrankung. Vielleicht fühlst du manchmal unbewusst, dass es für mich nicht immer einfach ist, Dich abzuholen, dass dabei in mir nicht nur positive Gefühle entstehen, sondern dass die Verantwortung für Dich bei mir auch Ängstlichkeit erweckt. Oder dass ich traurig wirke. Vielleicht beziehst du das auf Dich, denkst, ich hätte dich nicht lieb.

2) Die Trennungssituation. Vielleicht glaubst Du, dein Papa würde nicht mehr bei Dir und deiner Mama wohnen, weil er Dich nicht mehr lieb hat.

Gestern musste ich Dir, meinen 3,5 jährigen Sohn, erklären, dass ich übermorgen für 5-6 Wochen nicht mehr da bin, in eine psychosomatische Rehaklinik in Süddeutschland fahre. Ich habe mir schon Tage vorher Gedanken gemacht, wie ich Dir das erklären kann. Gerade in Anbetracht dessen, was ich eben beschrieben habe. Ein wirklich ungünstiger Zeitpunkt, um für einige Zeit aus deinem Leben zu verschwinden. Aber ich muss das tun, ich muss es für mich tun, um damit auch etwas für Dich zu tun. Dir geht es gut, wenn es mir gut geht und mir geht es gut, wenn es Dir gut geht. Diese Reha wird nach 40 Sitzungen kognitiver Verhaltenstherapie, diverser Klinikaufenthalte, Medikamente usw usf ein neuer Versuch für mich, echt zu werden. Mich mit all meinen Verdrängten Persönlichkeitsanteilen anzunehmen, ganz zu werden. Ich tue das, damit du einen Vater hast, auf den Du stolz sein kannst. Trotzdem fahre ich mit einem weinenden und einem lächelnden Auge. Ich brauche definitiv eine Auszeit. Wenn du wüsstest, was im letzten Jahr alles passiert ist... Irgendwann wirst du mich verstehen. Das hoffe ich und deswegen schreibe ich Dir diese Briefe an dein späteres Erwachsenen-Ich. Wenn ich in der Reha bin, werde ich dir Briefe an dein jetziges Kinder-Ich schreiben und dich jeden Abend anrufen.

 

Ach Levi, ich weiß, es ist alles schwer, so schwer. Aber alles wird sich zum Guten wenden. Trotz aller Desillusionierungen, trotz allem, was geschehen ist, diesen Rest an Zuversicht kann mir nichts und niemand nehmen.

 

Dein Papa

12.1.15 16:17

Letzte Einträge: 30. März 2015, 31. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 14. April 2015, 22. April 2015

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


adri (12.1.15 16:38)
Auf der Suche nach einer Seite wo ich ganz anonym mein Herz aussüchten kann habe ich Dich gefunden. Sehr schöne und zugleiche Traurige Wörter. Ich selbst bin 23 Jahre alt habe seit 2009 Angst und Panickattacken bis heute habe ich versucht selbst meine Ängste und Depressionen los zu werden.Am anfang dachte ich,ich würde dran Sterben ich wollte einfach nicht mehr. Zwar bin ich nicht in der Lage dir ein Rat zugeben aber eins wollte ich los werden vielleicht hilft das ja...Verliere niemals deine sicht und wenn du denkst es hält dich hier nichts mehr dann schliess die Augen und denk an dein Levi, er wird einen Papa brauchen und wird um so Stolzer auf dich sein wenn du stark geblieben bist! Ich weiß das es viele Meschen gibt die ne schulter zum dran anlehnen bräuchten deswegen ergreifst du die richtige entscheidung mit der reha..nutz sie und geh etwas oder whl ganz Gesund zu deinem Sohn zurück Alles Liebe aus Süddeutschland

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