Der Irrgarten in meinem Kopf

5. Dezember 2014 Part II

Mein Sohn,

 

Auf der Arbeit sprach man mich schon drauf an, was mit mir los sei. Ich muss dazu sagen, dass ich damals niemanden von meiner psychischen Erkrankung erzählt habe. Ich habe mich dafür geschämt. Diese Ängste, diese Abgründe – das waren Seiten an mir, die ich auf gar keinen Fall sehen und schnellstmöglich ausmerzen wollte. Selbstverständlich durfte sie auch sonst niemand sehen, wenn ich sie schon nicht sehen wollte. Arbeitskollegen schon gar nicht. Der Schein des selbstsicheren, in sich ruhenden Jon, der mit jeder Problemsituation klar kommt und konstruktive Lösungsmöglichkeiten erarbeitet und durchführt, sollte erhalten bleiben. Mein altes Selbstbild sollte nicht ins Wanken geraten. Trotzdem sah man mir bei der Arbeit natürlich an, dass es mir nicht gut ging. Während der Arbeit konnte ich mich noch einigermaßen auf meine Aufgaben focusieren und kam einigermaßen klar. Manchmal stellte sich sogar ein „Flow“ Gefühl ein.  Flow ist ein Begriff aus der Verhaltenspsychologie, der den Zustand beschreibt, wenn die Anforderungen gleich der Leistungsfähigkeit sind. Positiver Stress im Grunde. Man fühlt sich im Fluss, es gibt kein Stocken im Arbeitsprozess, man weiß genau, was man wann und wie zu tun hat. Das war ein gutes Gefühl, es war quasi die konträre Polarität der Situation zuhause.

 

Mit zunehmender Desillusionierung, Verzweiflung und Depression geriet ich jedoch auch bei der Arbeit in krisenhafte Zustände. Als wäre der Druck nicht eh schon groß genug, stand auch noch eine Vertragsverlängerung in wenigen Monaten an. Ich hatte ja nur einen auf 1 Jahr befristeten Arbeitsvertrag. Ich musste also ein gutes Bild abgeben, einen guten Job leisten, damit man meinen Arbeitsvertrag verlängert. Bis dahin machte ich mir darum eigentlich keine Sorgen, denn ich leistete gute Arbeit. Ich baute innerhalb der vollstationären Wohneinrichtung ein Trainingswohnprojekt mit ambulanten Strukturen auf, in denen relativ selbstständige Klienten üben konnten, in einer eigenen Wohnung zu leben. Ich erarbeitete das Konzept, führte die „Mietertreffen“ durch, bearbeitete mit den Klienten psychosoziale Konflikte innerhalb der WGs und gab wertvollen Input auf den Teamsitzungen.  Alle schätzen mich als kompetenten, humorvollen Kollegen, der zwar ein bisschen freakig war, aber mit dem man auch mal bei einer Zigarette in der Pause über sonstwas schnacken konnte. Langsam begannen meine Arbeitskollegen die andere Seite an mir wahrzunehmen.

 

Zuhause musste ich oft weinen, weil ich so hypersensibel für schlechte Stimmung in der Paarbeziehung war. Ich wollte doch nur, dass wir zusammen halten, dass wir lieb zueinander sind, dass wir uns wertschätzen. Als es mir richtig schlecht ging, wollte ich, dass deine Mama mir sagt: wir schaffen das zusammen. Als ich eine Mittelohrentzündung bekam und die ganze Nacht unfassbare Schmerzen hatte – deine Mama und ich schliefen zu dem Zeitpunkt nicht im selben Bett - , gegen die auch 4-5 Ibuprofenpillen nichts ausrichten konnten, kam ich morgens ins Zimmer deiner Mama und erzählte ihr, was ich für Schmerzen hatte. Ihr Kommentar war: „Da kann ich dir auch nicht helfen“. Natürlich konnte sie das nicht und das erwartete ich auch nicht. Aber ein bisschen Mitgefühl, eine Umarmung, ein paar Nette Worte – das hätte mir ein gutes Gefühl gegeben. Ein Gefühl, dass wir zusammenhalten und zusammen gehören. Aber da war gar nichts mehr. Kein Feeling, keine Connection. Als ich immer depressiver wurde, distanzierte sie sich zunehmend von mir. Das machte mich wiederum noch mehr fertig, es ging mir noch schlechter und sie distanzierte sich noch mehr von mir. Ein Teufelskreis.

 

Darüber hinaus wollte sie von meinem „Psychokram“ nichts mehr wissen. Meinen therapeutischen Prozess, meine psychischen Probleme sollte nicht mehr Teil unserer Lebensrealität sein. Sie war es leid, darüber zu sprechen oder sich etwas darüber anzuhören. Sie wollte diese Seite an mir genauso wenig sehen, wie ich. Sie wollte ihren alten Partner wieder haben, das sagte sie mir mehrfach. Aber ich musste diese Seiten an mir sehen, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Ich begann zu ahnen, dass alles zerbrechen würde, wenn ich weiterhin Angstzustände hätte und ihr davon erzählte. Also lehnte ich diese Seite an mir noch mehr ab und versuchte sie noch intensiver zu bekämpfen, auszulöschen, zu verdrängen, wegzuschieben, auszumerzen. Ich wollte ja nicht noch das letzte verlieren, was ich hatte. Je mehr ich das offensichtliche versuchte wegzuschieben, desto schlimmer wurden die Ängste. Natürlich. Das, was man am wenigsten wahrhaben will, drängt sich am stärksten ins Bewusstsein. Die Angst war ja nichts Abstraktes, was von Außen kam. Das war ich, das war mein Leben. Der wöchentliche Besuch bei meinem Psychotherapeuten hielt mich einigermaßen am Leben. Aber Leben war das nicht mehr, es war ein reines Überleben.

 

Weihnachten ging vorüber und am Silvesterabend saß ich mit  Tränen in den Augen nachts um 12 Uhr mit einem piccolo Sekt am Fenster und guckte mir von drinnen das Feuerwerk an, während deine Mama mit Dir im Nebenzimmer im Bett lag und schlief.

 

 

Dein Papa

5.12.14 20:39

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