Der Irrgarten in meinem Kopf

5. Dezember 2014

Hallo Levi,

 

deine Mama hingegen fühlte sich, wenn ich arbeiten ging, alleine. Sie freute sich immer darauf, wenn ich spätabends nach Hause kam. Ich hatte zu der Zeit fast nur Spätdienste von 15:00 bis 22:00 uhr, war also erst gegen 22:30 Uhr zuhause. Im Grunde machte es keinen riesen Unterschied, ob ich zuhause war, oder nicht. Beim Stillen konnte ich ihr nicht helfen. Aber natürlich war es für sie ein besseres Gefühl, wenn sie wusste: ihr Partner ist bei ihr und wir schaffen das zusammen. Das Gleiche habe ich mir übrigens später auch gewünscht, als es mir psychisch zunehmend wieder sehr viel schlechter ging. Aber dazu später mehr.

 

Während ich in den ersten Wochen froh war, dass ich sowohl Arbeit als auch Familienleben – bei allen Schwierigkeiten – mehr oder weniger gebacken bekommen habe, ging es deiner Mama nach wie vor nicht gut.  Später erzählte sie mir, was zu der Zeit teilweise für Gedanken hatte: „Ich könnte aus dem Fenster springen, ist ja nur der 2. Stock. Dann wäre ich nicht tot, wäre aber verletzt und müsste ins Krankenhaus. Dann könnte ich zwangsweise die Mutterrolle, mit der ich gerade gar nicht klar komme, nicht mehr ausfüllen“. Natürlich hatte sie schreckliche Schuldgefühle, weil sie solche Gedanken hatte, und es ging ihr wiederum noch schlechter. Levi, mir ist klar, wie das auf Dich wirken muss, wenn ich dir solche Dinge verrate. Aber ich habe mich entschieden, Dir zu erzählen, wie die Situation war, als du geboren wurdest. Und das ist nun mal die bittere Wahrheit. Wir haben Dich von Anfang an über alles geliebt. Aber der Schritt vom Paar zur Familie war so schwer und die Messerstiche ins Herz, die deine Mama dadurch empfand, dass sie sich vermeintlich nicht gut genug um Dich kümmern konnte – nicht gut genug für die Mutterrolle war – wiegten schwer. Mir tat es in der Seele weh. Aber was konnte ich tun, außer für die Familie zu sorgen und für Dich und deine Mama da zu sein? Zeit für uns als Paar, die wir gebraucht hätten, um uns nicht voneinander zu entfernen,  hatten wir gar nicht mehr. Nicht wenig, nicht gelegentlich, sondern tatsächlich: gar nicht. Und das über Monate. Die Beziehungsdynamik begann aus dem Ruder zu laufen. Unausgesprochene gegenseitige Vorwürfe, unterschwellige Schuldzuweisungen, Unverständnis auf beiden Seiten. Deine Mama nahm zunehmend folgende Haltung ein: Sie hatte ihr komplettes vorheriges Leben verloren, war 24 Stunden ans Haus gefesselt. Ich hingegen hatte mein Leben behalten können, ging täglich 7 Stunden arbeiten und hatte „Normalität“. So empfand sie die Situation. Neid, Mussgunst, Eifersucht, Verständnislosigkeit. Aber keinerlei Wertschätzung dessen, was ich leistete. Dass ich noch vor ein paar Monaten kaum das Haus verlassen konnte wegen den massiven Angstzuständen und dass ich das ganze letzte Jahr durch die Hölle gegangen war und mein komplettes vorheriges Leben verloren hatte, konnte sie nicht sehen. Auch die knüppelharte psychotherapeutische Konfrontationstherapie, die ich durchstand, um  wenigstens einigermaßen zu funktionieren und für die Familie da sein zu können, konnte sie nicht sehen.   

 

Irgendwann kam es zur Eskalation. Sie schrieb damals Texte in einen blog, durch einen doofen Zufall stieß ich auf einen dieser Texte, in dem sie sich in einer absolut unangebrachten, unempathischen, verletzenden Härte darüber auskotzte, wie unzufrieden sie mit der Situation und mit mir war. Sie sprach von mir als „der Mann, der sich nach der Arbeit erstmal in die Badewanne legt“, während sie ihr ganzes Leben verloren und alle Arbeit mit dem Baby hätte. Das traf mich sehr, sehr tief ins Herz, hat mich unglaublich verletzt. Ich konfrontierte sie damit, aber die Situation ließ sich nicht klären, zu sehr kochten die Emotionen über, zu groß war die Belastungssituation. So kam es also, dass die Stimmung langsam aber sicher immer schlechter wurde. Ich versuchte alles, um das zu ändern, ich fragte meine Mutter, ob sie einmal in der Woche mit Dir im Kinderwagen für 1-2 Stunden spazieren geht, damit wir wenigstens einmal etwas Zeit haben, um miteinander zu sprechen. Ich versuchte das therapeutische instrument des „partnerschaftlichen Zwigespräches“ einzuführen, was in solchen Situationen empfohlen wird. Ich versuchte alles, was in meiner Macht stand.  Ich wollte verzweifelt, alles am Laufen zu halten, verbog mich, stellte alle meine Bedürfnisse zurück. Aber es nützte alles nichts. Die Situation war verkantet und verfahren.

 

Nach zwei drei Monaten ging es deiner Mama besser. Sie hatte sich inzwischen mit ihrer Identität als Mutter  arangiert, die Wochenbettdepression klang aus und sie rappelte sich wieder auf. Die Situation zwischen uns als Paar war natürlich unverändert und auch die Probleme, die wir damit hatten, Dich zum schlafen zu bewegen, dich zu Stillen und zu beruhigen bestanden weiter. Kurz: die Belastungssituation war die Gleiche, aber deiner Mama ging es etwas besser damit. Das war der Punkt an dem sich mein eigener Zustand rapide verschlechterte. Klar, ich wusste durch erzählungen und durch das lesen zahlreicher Bücher über Elternschaft, dass es für ein Paar am Anfang eine große Herausforderung ist, zur Familie zu werden. So hoffte ich, dass sich nach einigen Wochen oder Monaten alles einspielen und in Wohlgefallen auflöste. Aber das tat es nicht und ich verzweifelte langsam.

 

Hatte ich zuvor hauptsächlich Probleme mit Ängsten gehabt, wurde ich nun immer depressiver. Ich fühlte mich wie in einer Sackgasse. So hatten wir uns das beide nicht vorgestellt. Wir wollten die perfekte Familie sein, uns trotz Elternschaft als Paar fühlen und alles machen, was Paare eben so machen. Die Realitätskluft hingegen hätte nicht größer sein können. Ich fragte mich: „Das ist jetzt also dein Leben?“. Ich bekam wieder häufiger Panikattacken, das Arbeiten wurde schwieriger und alles steuerte auf eine große psychische Krise hin, wie vor einem Jahr. Davor hatte ich eine scheiß Angst. Ich versuchte erstmals mich mit Johanniskrautextrakt, ein pflanzliches Antidepressivum, über Wasser zu halten – mit mäßigem Erfolg. Es wurde langsam Winter, alles steuerte auf Weihnachten zu. Das Fest der Liebe. Liebe konnte ich zwischen deiner Mama und mir kaum noch verspüren. Den Schein zu wahren, wurde auch immer schwerer. Stattdessen nur Druck und Vorwürfe.

 

Dein Papa

5.12.14 18:08

Letzte Einträge: 30. März 2015, 31. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 14. April 2015, 22. April 2015

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen