Der Irrgarten in meinem Kopf

16. November 2014

Hallo Levi,

 

ich komme jetzt auf den Punkt und zeige Dir einen Text, den ich noch im Krankenhaus kurz nach deiner Geburt geschrieben habe:

Nach einem Abend voller Unsicherheit, Aufregung und Angst fahren wir am Mittag den 21. August 2011 mit dem Taxi ins Krankenhaus. Der Tag, an dem vor genau einem Jahr mein Leben völlig aus den Fugen geraten ist. Angststörung, tiefste spirituelle Krise, Depression. An den Folgen knabbere ich heute noch. Ein Wink des Universums, dass ein Jahr später dieser Tag der errechnete Geburtstermin unseres Sohnes werden soll? Oder alles nur ein ko(s)mischer Zufall?
Auf Grund der Schwangerschaftsdiabetis muss die Geburt heute medikamentös eingeleitet werden. Im Taxi versuche ich die aufkommenden Ängste mit Witzchen und Humor abzuwenden. Mit Erfolg. Im Krankenhaus angekommen sind wir relativ locker. So locker, wie man in so einer Situation eben sein kann. Sabrina hat sich ihrem Schicksal gefügt, die Tatsache, dass nun die Geburt folgt, akzeptiert. Im Kreißsaal angekommen die erste gute Nachricht: wir kriegen ein Familienzimmer, ich kann die ganze Zeit dabei bleiben. Darauf hin gleich die Schlechte: das medikamentöse Einleiten der Geburt wird im besten, unwarscheinlichen Fall 24 Stunden dauern. Im Normalfall 48-72 Stunden und im schlechtesten Fall 4 Tage. Sollten sich bis dahin keine Geburtseinleitenden Wehen eingestellt haben oder sollte es während dessen zu komplikationen kommen, wird das Baby per Kaiserschnitt geholt.

Während des Einleitungsvorgangs wird Sabrina immer wieder am CTG hängen, am Wehenschreiber, um Herztöne des Babys und Wehentätigkeiten aufzuzeichnen. Damit wird kontrolliert, ob der Kleine mit einem Abfall der Herztöne (Zeichen für Stress) auf die künstliche Einleitung der Wehen reagiert. Sabrina bekommt die erste 1/4 Tablette. Die Dosierung beginnt zunächst gering und soll alle 4 Stunden gesteigert werden. Dazwischen heißt es auf Wehen warten, am CTG liegen und nochmals warten. Warten, warten, warten. Ein zermürbendes Warten auf das Ungewisse. Nach der zweiten Dosis sind wir bereits fertig mit den Nerven. Dann kippt die Stimmung. Die Herztöne sacken ab. Sofort schnellt die Hebamme - ein unsensibles, proffessionelles Monster - mit samt Ärztin ins Behandlungszimmer, rammt Sabrina eine kanüle in die Hand und spritzt ihr einen Wehenhämmer. Panik trieft von den Wänden und krabbelt mir den Nacken hoch. Unser Sohn - anscheinend ein Sensibelchen wie sein Papa - hat die Wehenfördernden Medikamente nicht vertragen und reagiert mit Abfall der Herztöne. Also müssen Gegenmaßnahmen unternommen werden und die aufkommenden Wehen - wieder chemisch - gestoppt werden. Das ganze erinnert mich an polytoxe Mischkonsum Drogen-Exzesse. Die Nebenwirkungen des Einen, werden mit denen des Anderen bekämpft.

Während Sabrina den Wehenhemmer gespritzt bekommt, merkt die Ärztin an: "Jetzt kriegen sie gleich Herzklopfen". Sofort schießt ihr Puls durch die Decke, ihr Herz beginnt innerhalb von Sekunden zu rasen, zu klopfen, zu wummern. Schweissausbrüche, Hektik im Kreißsaal. Andrenalin wird ausgeschüttet. Sie fühlt sich, als kippt sie gleich aus den Latschen. Aber es wirkt, der Puls des Babys steigt wieder.

Wenig später entspannt sich die Situation, jedoch neigt sich der Plan, die Geburt einzuleiten, dem scheitern zu. Das spricht jedoch keiner Aus, denn die blöde Hebamme - die olle Hexe - erzählt ja nichts. Wir zählen schon die Stunden, bis ihre Schicht zu Ende ist und die nächste Hebamme in den Dienst kommt. Inzwischen ist es 22:00 Uhr und wir warten seit 12 Uhr am CTG auf Wehen oder weiteres Absacken der Herztöne. Die Nerven liegen blank, Erschöpfung macht sich breit. Wie sollen wir in dem Zustand weiter machen? Die eigentliche Geburt mit stundenlangen Schmerzen und Todesängsten steht uns erst noch bevor. Während dessen weiteres Absacken der Herztöne. Dieses mal kann Sabrina aber ohne weitere Wehenhämmer die Absacker „wegatmen“. Genauer gesagt: man lässt sie es versuchen und steht nicht schon mit den Hufen scharrend und der Spritze im Anschlag in den Startlöchern. Endlich hat die Hebamme Feierabend und die Ablösung kommt. Nanna, eine Halb-Afrikanerin, total nett, empathisch. Eine Erlösung. Die nächste Option steht im Raum: statt wehenfördernden Tabletten gehts nun an den Wehentropf; den kann man nämlich ausstellen, wenn es kritisch wird. Die Tabletten dagegen bleiben im Blutkreislauf, wenn sie einmal drin sind. Nanna richtet Sabrina ein gemütliches Bett im Kreißsaal her, hängt sie an den Wehentropf und dimmt das Licht. Wir sollen uns ausruhen, dösen, sagt sie. Es ist bereits nach 0:00 Uhr und wir haben noch viel vor, sind jedoch körperlich und psychisch jetzt schon an unseren Grenzen. Dabei ist noch gar nichts passiert. Der Gedanke an einen Kaiserschnitt wird für Sabrina immer attraktiver. Ich liege ebenfalls im Kreißsaal, im Geburtsbett, und versuche mit progressiver Muskelentspannung Schadensbegrenzung zu betreiben und mich irgendwie ein Bisschen abzulenken. Es klappt nicht wirklich. Sabrina hängt weiterhin am CTG und am Wehentropf. Levis Herztöne sacken ab, immer wieder und in immer kürzeren Abständen. So ist es nun also: auch den Wehentropf verträgt er nicht. Irgendwann gegen 01:00 Uhr kommt die Hebamme herein und verkündet: Auch diese Option ist gescheitert. Tom Levi reagiert zu heftig, dabei sind noch keine Geburtswehen in Aussicht, der Muttermund ist auch noch nicht geöffnet. Die Geburtswehen würde er nicht überstehen. Die Situation spitzt sich zu. Letzte Möglichkeit: Kaiserschnitt. Und zwar so schnell wie möglich.

Gemischte Gefühle, Überwältigung, Angst, Schrecken und Erleichterung. Wir fügen uns, wir sind kraftlos, nehmen unser Schicksal an. Sabrina ist auf einer gewissen Ebene froh. Endlich eine Entscheidung, endlich Klarheit. Und keinen Geburtshorrortrip. Zwar wollten wir nie einen Kaiserschnitt, aber in dieser Situation ist er eine Erlösung. Eine angstvolle Erlösung. Keine 3 Tage mehr, keine ewig erscheinenden Wehen, keine Herauszögerung. In einer Stunde, wenn der OP frei wird, geht es los. Ohne Schohnfrist, ohne Spielerei. Um kurz vor 2 Uhr wird es ernst. Nanna versucht eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Dann kommt die rabiate Ärztin und die Anästhesistin herein. Sie beginnen uns in dieser angstvollen Extremsituation die Risiken des Kaiserschnitts im Allgemeinen und die der Narkose im Speziellen runterzurattern. Das müssen sie, das ist ihre Pflicht. Trotzdem absolut unpassend. Querschnittslähmung, Aids und Hepatitis durch Blutinfusion, irreperable Schäden der Gebärmutter, Verletzung des Kindskopfes beim Aufschneiden, usw. Die Liste ist lang und grotesk. Ich versuche nicht mehr hinzuhören, zu verdrängen, die Angst sitzt mir im Nacken. Sabrina scheint äußerlich ruhig. Ich höre nur noch Schlagworte und Satzfragmente, die meine Panik noch verstärken. Jetzt geht alles schnell, sehr schnell... Ich beginne loszulassen, die Kontrolle zu verlieren und aufzugeben. Ich lasse mich von der Situation mitschleifen, agiere nicht mehr, ich reagiere nur noch automatisiert und mechanisch, treffe keine Entscheidungen mehr. Ich muss akzeptieren, muss funktionieren.

Der Film beginnt und lässt sich nicht mehr beeinflussen oder stoppen. Ich sehe mich, wie ich zusammen mit der Hebamme Sabrina im Bett liegend in den OP schiebe. Die Atmosphäre dort ist so ziemlich das Gegenteil von meiner Stimmung. Gelöste Heiterkeit und Routine. Es hat etwas davon, Sabrina - die Frau die ich liebe und die unseren Sohn in sich trägt - zur Schlachtbank zu schieben. Ich zittere innerlich, habe Angst aber ich weiß auch: jetzt ist alles, wie es ist, es ist völlig egal, wie es mir damit geht. Um mich geht es hier nicht. Die Situation wird unwideruflich weiter gehen, der Point of no Return ist überschritten, es gibt kein Zurück. Egal, ob mir das gefällt oder nicht. Auf mich muss nun verlass sein. Ich muss unseren Sohn gleich entgegen nehmen. Nicht morgen, nicht übermorgen, nein, in ca. 10 Minuten. Überwältigend. Alles ist dermaßen surreal, wie ein verrückter Traum. Ein Albtraum, der uns allerdings endlich zu unserem Sohn führt. Der Zustand ist mit keiner Droge zu vergleichen. Und ich habe schon viele verrückte Drogen ausprobiert. Ich werde mitgeschliffen in einen sterilen Umkleideraum, ziehe wie ein Roboter OP Klamotten, einen Mundschutz und Haube an und soll in einem Vorraum warten, bis die Operationsvorbereitungen abgeschlossen sind und ich dazu geholt werde. Es ist heiss, der Schweiss rinnt mir in Strömen herunter. Ich überlege, wo ich gleich hin kotzen kann. Mein Herz rast, ich fühle mich einer Ohnmacht nahe. Eine Panikattacke und in 5 Minuten soll ich in den OP. Um mich herum wuseln in routinierter Proffessionalität grün gekleidete Wesen herum, Ärzte, Krankenschwestern. Ich sehe mich selbst dazwischen, wie in einem Film. Ich bin vollkommen handlungsunfähig, habe eine Vision:

Gleich wird die perfekte, in sich geschlossene Welt meines Sohnes aufgerissen. Der Raum bricht auf, riesige Hände von noch riesigeren grün gekleideten Aliens werden ihn aus seiner Realität heraus reissen und medizinische Experimente an ihm durchführen. Die perverse Science Fictionhaftigkeit seiner Geburtserfahrung wird mir voll bewusst. Die Räumlichkeit kommt mir inzwischen vor wie eine Mischung aus UFO und Schlachthaus. Steril, metallisch und entartet. Mein Sohn tut mir leid. So leid.

Meine Panikattacke mildert sich ab, kurz bevor ich nach einer gefühlten Unendlichkeit in den OP geholt werde. Ich danke dem Universum dafür. Im OP sehe ich Sabrina auf einer Trage liegen, die Spinalanästesie wurde bereits erfolgreich durchgeführt. Sie ist von der Hüfte an Abwärts gelähmt. Kurz hinter ihrer Brust ist ein Vorhang aufgebaut, damit sie und ich nicht den eigentlichen Operationsvorgang sehen können. Die Situation ist dermaßen surreal und bedeutungsvoll zu gleich, dass es kaum zu ertragen ist. Ich frage mich, wie ich das alles jemals verarbeiten soll. In wenigen Minuten ist er da, der Moment, der unser Leben von Grund auf verändern wird. Ich halte Sabrinas Hand und sage ihr, dass alles gut ist, während ich höre, wie sie aufgeschnitten wird und bin heilfroh über den Vorhang. Ehe ich mich versehe ist es da: das erste empörte, entsetzte Brüllen unseres Sohnes. Er wird aus Sabrina herausgezerrt und uns kurz im Vorbeigehen gezeigt. Ein winziges, lila farbiges Etwas. Dann bringen ihn die Außerirdischen kurz in ihr Behandlungszimmer. Das schreien zerreisst uns fast das Herz. Und nach sich ewig anfühlenden 5 Minuten tragen sie ihn endlich wieder gut verpackt zu uns herein und legen ihn auf Sabrinas nackte Brust. Bonding. Eine lebenslange Bindung soll entstehen, wie in dem Film A.I.

Sofort beginnen wir intutiv so viel wie möglich mit ihm zu sprechen, damit er wenigstens bekannte Stimmen hört, nach dem seine Realität zusammen gebrochen ist und er schlagartig in eine neue gesetzt wurde. Es funktioniert, er hört auf zu schreien. Das Gefühl ist unglaublich und in keinster Weise zu beschreiben. Keine Worte. Mir fällt nur ein Zitat aus dem Film Contact ein:

"Sie hätten einen Dichter schicken sollen"

Jetzt geht alles ganz schnell. Die Aliens nähen Sabrina wieder zu, geben ihr unser Baby und schieben sie mit Bett wieder in den Kreißsaal. Ich ziehe die OP Klamotten aus und folge ihr wie ein Wesen aus reiner Energie. Da sehe ich sie liegen: Tränen in den Augen, einen ganz neuen, frischen Menschen auf der Brust, der noch ganz und gar nicht angekommen ist in unserer Welt. Es passiert selten, aber ich bin sprachlos. Mir fehlen die Worte.



Dein Papa

16.11.14 12:04

Letzte Einträge: 30. März 2015, 31. März 2015, Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich., 14. April 2015, 22. April 2015

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Michaela / Website (8.6.17 13:14)
Hallo wir hatten damals auch eine Familienzimmer bekommen. Das ist einfach viel schöner. Alles gute euch Dreien.


Michaela / Website (8.6.17 13:14)
Hallo wir hatten damals auch ein Familienzimmer bekommen. Das ist einfach viel schöner. Alles gute euch Dreien.


heike / Website (5.10.17 13:13)
sehr sehr lieb geschrieben! LG Heike

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