Der Irrgarten in meinem Kopf

22. April 2015

Hallo Tina,

 

wir sind uns in den vergangenen Wochen in Heiligenfeld sehr nah gekommen. Emotional. Zusammen sind wir durch die Abgründe unserer zutiefst abgelehnten Gefühle von Schmerz, Leid, Angst und Wut gegangen. Tiefenpsychologischen Gruppentherapie. Wir haben uns Dinge erzählt, die wir sonst nicht mal unseren besten Freunden erzählen, haben alle bekannten Stufen eines Kennenlernprozesses übersprungen und schon 48 Stunden nach der ersten Begegnung über Ängste, unserer Vergangenheit und über die tiefsten Problemen gesprochen. Ein solches Kennenlernen in einer Klinik habe ich immer als etwas ganz besonders Echtes empfunden. Jeder hat seine ganz individuelle Lebensgeschichte und doch trifft man sich in einem gemeinsamen Prozess, in einer sehr abgedrehten Phase des Lebens; An einem Punkt, wo von Anfang an die Fassade zusammenbricht und man den echten Menschen mit all seinen Facetten sieht und fühlt. Das ist wohl ein Psychiatriephänomen aber in Heiligenfeld ist das ganze noch viel extremer. Alles ,ist darauf ausgelegt, möglichst schnell und tief in die verdrängten Gefühle einzutauchen und sie mit den Anderen Menschen zu teilen. Das gemeinsame Singen, die vielen kleinen Rituale, der mehrfach am Tag in allen Teherapien stattfindende Resonanzkreis, bei dem man sich an den Händen hielt und eine innere und äußere Verbindung aufbaut, die Meditation, die wortlosen Begegnungen in der Stille-Zeit. Das extreme Wir-Gefühl in der Kerngruppe, das tägliche Gemeinsame Essen, die wöchentlichen Verabschiedungen und die Willkommensfeier der neuen Patienten. Die heilsamen therapeutischen Rituale im Plenum vor der gesamten Patientenschaft. Das gegenseitige durchs Wasser tragen. Das alles führt dazu, dass man sich sehr schnell sehr tief kennen lernt, auf einer absolut authentischen Ebene. Ich habe noch keinen Ort gesehen, an dem man so schnell aufgeknackt und aufgeweicht wird und das vor den Augen und Herzen aller Anwesenden. So bekamen alle gleich einen authentischen Eindruck voneinander, aber uns beide verband noch etwas darüber hinaus, denn wir hatten uns schon auf der Fahrt nach Bad Kissingen im Zug kennen gelernt. Mit den Menschen, die am selben Tag wie man selbst die stationäre Psychotherapie beginnen, fühlt man sich eben besonders verbunden. Man hat ein gemeinsames Grundthema, gewöhnt sich gemeinsam an die neue Situation, lernt alles kennen.

Als wir uns das erste mal trafen, hatte ich noch den zutiefst verhärteten Glaubenssatz: ich kann nie wieder – oder zumindest noch lange nicht – irgendwas mit einer Frau anfangen. Zu tief war ich verletzt, zu viel Angst vor Verletzungen hatte ich und zu viel Arbeit war nötig, um mit mir selbst klarzukommen. Dann kam der Tag, an dem wir nachmittags zusammen in einer Therme saunieren gingen und uns zusätzlich zum emotionalen Seelenstrip dann auch noch körperlich nackt gesehen haben... Als du abends an meiner Tür geklopft hast und auf meinem Bett saßt, begann ich langsam zu begreifen, dass es in mir wohl doch ein ziemlich starkes Bedürfnis nach Nähe gibt, was ich sehr lange verdrängt habe.

Wir redeten, glitzerten und funkelten uns an, verstanden uns. Ein echter ehrlicher Austausch an einem ganz besonderen Ort. Wir legten uns in mein Bett, hörten ruhige Ambient Musik, kuschelten ein bisschen, genossen die Nähe. Einfach sein. So wie wir sind. Für Dich vermutlich nichts Besonderes, für mich zu dem Zeitpunkt ein merkwürdig gemischtes Gefühl von Genuss, Vertrauen, sich öffnen, alte Verletzungen überwinden, neue Erfahrungen machen. Ich kann noch Nähe zulassen und sie sogar genießen nach all den Eskapaden der Vergangenheit . Ich streichel dir den Rücken und den Kopf. Wenn ich dir auf der Innenseite deines Arms mit den Fingerkuppen entlang streiche, bekommst du Gänsehaut und schnurrst wie ein Kätzchen. Du ziehst dein Oberteil aus, schaust mir tief in die Augen und lächelst. Wir sind echt. Zwei verkopfte Kontrollfreaks lassen sich fallen. Wir decken uns zu, berühren uns, sind und ganz nah. Ich berühre deine Brüste und du wirst ganz weich. Überhaupt bist du so weich, so nah an mir dran. Ich weiß, dass wir niemals über über das, was wir hier tun, während wir zusammen in Heiligenfeld sind, hinaus gehen werden. Müssen wir auch gar nicht. Uns verbindet gerade mehr und doch lässt sich von dem Zauber sicher nichts mit in das Leben nehmen, was wir nach der Therapie wieder aufnehmen werden. Und das ist völlig ok. Für dich ist es etwas, was ich nicht ganz verstehe. Vielleicht ein Abenteuer, ein „Kurschatten“, für mich ist es eine Erfahrung, die dem Prozess der Therapie die Krone aufsetzt. Gelebte Emotionen, authentischer Kontakt... Eine korrigierende Erfahrung, die mich die Vergangenheit abschließen lässt. Klar, ein bisschen zu gut als richtig wäre finde ich Dich wohl, aber damit kann ich umgehen. Es gibt nur das jetzt und das jetzt ist voll gut.

Nach der Verschmelzung schlafen wir ineinander verschlungen ein. Danke für dieses Erlebnis, was mir gezeigt hat, dass ich meine emotionale Verschlossenheit und Distanz aufgeben möchte. Zu gunsten ehrlicher Nähe. Ich hab dich nicht nur in mein Bett gelassen, ich habe dich auch ein Stück weit in mein Herz gelassen in dieser Nacht. Für mich war das die logische Konsequenz des echt werdens und des Öffnen des Herzens in Heiligenfeld. Powered by emotion.

Jon

7 Kommentare 22.4.15 10:53, kommentieren

14. April 2015

Mein Sohn,

wenn ich meinen Weg der letzten Jahre betrachte, sehe ich so viele Ansätze, die ich verfolgt habe. So viele Methoden und Techniken, so viele Heilungswege, die ich versucht habe, zu beschreiten. Ich wollte wieder gesund werden und habe dafür fast alles ausprobiert, was man ausprobieren kann. Immer eins nach dem anderen, nie aber habe ich alle Facetten gleichzeitig in Augenschein genommen.

In den Anfängen meiner kognitiven Verhaltenstherapie – kurz nach dem die Blase abgespaltener Ängste vor nun bald 5 Jahren platzte – habe ich mich mich monatelang der Konfrontation mit vermeintlich angstbesetzten Situation hingegeben. Exposition. Ein kräftezehrender Kampf mit dem Ziel, meine Ängste auszuhalten und sie dadurch zu überwinden.

Später als depressive Symptome hinzukamen habe ich in der Depressionsbewältigungstherapie versucht mit Hilfe des verhaltenstherapeutischen ABC-Modells meine Kognitionen und Gedanken dauerhaft zu verändern. Dysfunktionale, depressionsfördernde Denkweisen durch andere, bessere, neutralere auszutauschen. Ein Kampf gegen Windmühlen, der immer nur für eine gewisse Zeit erfolgreich war – bis zur nächsten großen Krise, in der all die alten Denk- und Verhaltensmuster mit voller Wucht zurück kehrten. Logisch, schließlich hatte ich mir die dahinter liegenden Konflikte nicht angeschaut. Dann habe ich immer wieder versucht mit therapeutischer Unterstützung Emotionsregulation und Anspannungsreduktion zu betreiben, um meine Stabilität beizubehalten oder wieder herzustellen, wenn ich wieder in Krisen hineinglitt. Dabei versuchte ich auch immer wieder die äußeren Umstände zu verändern, um mich besser zu fühlen.

Nach dem ich mehr und mehr realisierte, dass die klassische kognitive Verhaltenstherapie falsch liegt, wenn sie behauptet, man könne seine Gedanken dauerhaft kontrollieren und umstrukturieren, wendete ich mich einem neuen Ansatz zu: Akzeptierende Achtsamkeit. Akzeptanz und Commitment Therapie statt Kampf gegen mich selbst und kognitive Umstrukturierung.

Gleichzeitig wendete ich mich nach therapeutischen Rat offiziell von Psychotherapie ab und versuchte den Fokus – ganz im Sinne von Commitment – auf den Aufbau von Werten und auf das Leben im allgemeinen zu richten. Weg von der Beschäftigung mit psychotherapeutischen Themen, hin zum Leben. An sich kein schlechter Weg. Im Nachhinein haben mich die Verhaltenstherapeuten in Falkenried wohl einfach abschieben wollen. 2 Jahre Verhaltenstherapie hat nicht gefruchtet, da waren sie dann mit ihrem Latein am Ende. Und ich auch.

Währenddessen lagen die tiefunbewussten Konflikte, die mich immer wieder in die selben Muster und Krisen hineinführten, weiterhin latent unbearbeitet in mir brach und färbten eher unterschwellig meine Wahrnehmung – bis sie sich dann in der nächsten Krise wieder mit aller Gewalt in den Vordergrund drängten und zu schreien schienen: „Schau mich endlich an! Fühle mich endlich vollständig!“

Regression in kindliche Bewusstseinszustände, alte infantile Muster der komplexen Traumatisierungen meiner Kindheit, von denen ich dachte, dass sie in meinem Leben längst keine Rolle mehr spielen. Ohnmacht, Kontrollverlust, Verzweiflung, Angst. Angst vor der kompletten Vernichtung? Mehrere stationäre Klinikaufenthalte, in denen immer wieder die selben psychotherapeutischen Schablonen über mich rüber gestülpt wurden. Agoraphobie, rezidivierende Depression. Da hilft natürlich nur das Lehrbuchprogramm: positive Aktivitäten und Exposition. Das ich im Grunde nie wirklich depressiv war, sondern, im Gegenteil, viel zu intensiv fühlte und unter den komplexen Auswirkungen all meiner Traumata auf die gesamte Identität litt, erkannte niemand. Wollte wohl auch niemand sehen. Hauptsache der Junge wird arbeitsfähig entlassen.

Erst als ich in Heiligenfeld mit meinen Emotionen konfrontiert wurde, begann ich damit, wirklich hinzusehen. Integrativ, ganzheitlich.Tiefenpsychologisch. Und ich begann - die Komplexität meiner Erkrankung anerkennend - zu begreifen, dass auch die weitere Behandlung komplex sein und alle Ebenen umfassen muss: Körper, Geist, Emotionen, Spiritualität und Beziehungen. Und nicht immer nur eine Facette zur Zeit, wie in den Jahren zuvor. Ich erkannte, wie wichtig und ausschlaggebend Beziehungserfahrungen für die Entstehung psychischer Probleme waren und wie wichtig Beziehungsgestaltung auch für die Genesung ist. Ich begann wieder zu fühlen. Natürlich hat sich nach diesen 6 Wochen geballter powered by emotion Therapie nicht alles in Wohlgefallen aufgelöst. Aber ich habe einen Eindruck davon bekommen, welche Wege ich in Zukunft beschreiten möchte und das ich liebevoll mit mir umgehen sollte.

Sicher ist es ratsam, all die eckigen Kanten der Persönlichkeit humorvoll zu betrachten. Sie als Neurosen zu sehen, die die Erlebnisse der Vergangenheit geschaffen haben. Auf liebevolle, akzeptierende Art und Weise, mit selbstironischem Witz. Manchmal kann es so befreiend sein, einfach mal über sich selbst zu lachen. So lässt man nicht nur den Selbstdruck los und bringt Lockerheit und Gelassenheit ins Leben zurück, man entschärft so auch die selbstverurteilende Bewertung und schafft Raum für heilsame Veränderung. Denn wenn man die selbstzerfleischenden Gedankenspielerein als das betrachtet, was sie sind – Neurosen der Vergangenheit -, ohne sie ausradieren zu wollen, kann man sich selbst mit Humor begegnen. So verschließt man sich dem Fluss des Lebens nicht mehr, der bekanntlich aus Veränderungen, Humor und Paradoxien besteht. Die Identifikation mit den alten Mustern schwächt sich ab, eine humorvolle, selbstironische Akzeptanz entsteht: ein Nährboden, auf dem neue, gesündere Muster wachsen können. Dafür müssen wir uns nicht anstrengen, sondern – im Gegenteil – loslassen.


Dein Papa

14.4.15 13:07, kommentieren

Lieber Levi, hier ein kleines Zitat für Dich.

"

Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. So lange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. So lange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. So lange er sich fürchtet durchschaut zu werden, kann er weder sich selbst noch andere erkennen - er wird allein sein.

Wo können wir schon solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten? Hier in der Gemeinschaft kann sich ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der - Teil eines Ganzen - zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet. In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein - wie im Tod - sondern lebendig als Mensch unter Menschen."

Richard Beauvais (1964)

13.4.15 17:38, kommentieren

31. März 2015

Lieber Levi,

 

wenn ich an Heiligenfeld zurück denke und an das, was mich dort so lebendig hat werden lassen, dann ist es die Ganzheit, die ich dort an mir selbst und im Kontakt zu anderen Menschen erleben durfte.  Manchmal suche ich Formulierungen, um zu beschreiben, was ich mit Ganzheit meine. Dann fallen mir kitschige Formulierungen ein wie „Der Weg des Herzens“, „Der Weg der Liebe“, oder „Der Weg der Achtsamkeit“. Aber die schlichte, einfache Formulierung „Der Weg der Ganzheit“ (nicht „Der Weg zur Ganzheit“ !) trifft es doch am besten. Nun, was bedeutet das?

Ganz werden bedeutet, sich dem Fluss des Lebens nicht mehr zu verschließen, sondern sich mit Emotionen, Menschen, Werten und der Liebe zu verbinden. Auf einer Ebene, die alles mit einschließt, was man an sich selbst nicht sehen will. Authentischer Kontakt zu sich selbst wird erst möglich, wenn ein authentischer Kontakt zu anderen Menschen besteht – und umgekehrt. Ganzheit bedeutet, alle Facetten des Selbst anzuschauen und innere Konflikte aufzulösen, in dem allen Polaritäten und Gegensätzen Raum gegeben wird. Innere Konflikte entstehen nur durch die Bewertung. Wo Sonne ist, ist auch Schatten, wo Licht ist, ist auch Dunkelheit. Wo Freude ist, ist auch Trauer und wo Mut ist, ist auch Angst. Wir tragen alle Gegensätze in uns. Dies zu akzeptieren, bedeutet Frieden zu schließen und den Krieg der inneren Konflikte zu beendnen. Und darüber hinaus: wir sind so viel mehr als die Summe unserer Gegensätze.

 

Ganzheit bedeutet auch zu verzeihen. Altes loszulassen, wenn es seinen Sinn verloren hat, um offenen Herzens Neues in das Leben zu lassen. Vertrauen in den Lebensweg zu entwickeln, Nähe statt schützende Distanz  zu wagen. Zu sich selbst und anderen Menschen. Auch wenn wir in der Vergangenheit verletzt wurden. Vertrauen in die Richtigkeit der Innenschau, Vertrauen, dass in uns nicht ist, was in der Verborgenheit des Unbewussten bleiben muss. Was bleibt vom Leben, wenn wir durch unsere alten Verletzungen abgeklärt und unnahbar werden?

 

Ganzheit bedeutet  verborgene Schätze zu heben, Frieden zu schließen und aus den traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit herauszuwachsen, ohne sie zu verleugnen. Ganzheit heißt, die Augen nicht mehr vor dem zu verschließen, was uns zutiefst schockiert hat, und aus dem Autopilotenmodus heraus zu kommen – stattdessen jeden Augenblick des Lebens mit Bewusstheit und Liebe zu betrachten. Und, ganz wichtig, uns nicht mehr selbst dafür zu verurteilen, wenn wir das mal wieder nicht schaffen, weil wir mit alten Verletzungen identifiziert sind.

 

Ganzheit bedeutet nicht, nie wieder Fehler zu machen oder nie wieder mit Illusionen zu verschmelzen. Vielmehr bedeutet Ganzwerden immer und immer wieder hinzuschauen und aus der Identifikationen mit falschen Illusionen herauszutreten und bewusst zu handeln – im Sinne dessen, was uns wichtig ist. Liebevoll mit sich selbst und mit anderen Menschen umzugehen, denn natürlich beinhaltet Ganzheit auch die Erkenntnis, dass alles eins ist. Der Weg der Ganzheit bedeutet, das der Weg nie zu Ende ist. Ganzheit ist ein heilsamer Prozess, kein Ziel.

 

Ich denke es geht letzlich um Leidenschaft, um das Feuer im Herzen, um die Liebe, um Engargement um Verletzlichkeit und Offenheit. Vom Trauma zum Wachstum.

 

Dein Papa

31.3.15 17:34, kommentieren

30. März 2015

Hallo Levi,

 

ich glaube es wird noch ein bisschen dauern, bis ich meine Erzählungen über die Vergangenheit hier fortführen möchte. Momentan beschäftigt mich Anderes. Ich mag gerade gar nicht so viel über die Zeit mit deiner Mama schreiben. So viele neue Erfahrungen durfte ich während der Therapie in Heiligenfeld machen. Ich habe das Gefühl, dass es im Moment nicht so recht passt, wieder in die vergangenen Erlebnisse mit deiner Mama einzusteigen. Ich werde das nachholen, aber Zur Zeit mag ich mich lieber auf die Gegenwart und auf die Zukunft konzentrieren und auf die Erlebnisse der letzten 3 Monate, die alles für mich verändert haben.

 

Heiligenfeld wirkt nach. Nach wie vor. Ich bin dabei, die Erlebnisse zu sortieren. Dagegen habe ich mich lange gesträubt, denn sie waren so überwältigend, so schön, so schrecklich, allumfassend, emotional, dass ich sie nicht analytisch durchleuchten wollte.Nach all den Jahren verstandesbetonter rationaler Vorgehensweisen wollte ich das Erlebte einfach mal so stehen lassen. Als Erfahrung. Als Gefühl. Als Eindruck einer Zeit, die mich wieder daran erinnert hat, was ich einmal war, was ich im Moment bin und was ich in Zukunft sein könnte. Ein Eindruck davon, wie mein Leben wäre, wenn ich einen guten, gesunden Kontakt zu mir selbst und zu anderen Menschen hätte.

 

Ich kann dir sagen, der Übergang von diesen zauberhaften 6 Wochen zurück in meine normale Lebensrealität war hart. Schmerzhaft, desillusionierend, leer, kalt und sehr schwer. Natürlich geht es den meisten Menschen so: „Je besser die Klinik, desto härter der Aufprall“, sagte mein Therapeut. Wenn man vollkommen weichgespült, voller Achtsamkeit und konsequent aller Widerstände und Abwehrmechanismen beraubt offenen Herzens wieder in diese Seelenfresserrealität kommt, dann ist das heftig... Mein Aufprall war in sofern hart, als dass ich mich zurück versetzt sah in Lebensumstände, die mich krank gemacht und gehalten haben. Lebensumstände, die ich so wie sie sie sind, gar nicht mehr will, die ich aber nur sehr langsam und stückweise verändern kann. Das frustriert.

 

Ich möchte nicht mehr emotional isoliert Leben und nur kurze, oberflächliche Beziehungen zu anderen Menschen zulassen, um mich in Scheinsicherheit und Kontrolle zu wiegen. Ich möchte das gesamte Repatoir an Gefühlen in mein Leben hinein lassen und mich nicht mehr vor den schwierigen verschließen, aus Angst sie könnten sie mir schaden. Heiligenfeld hat mir da ganz klar den Spiegel vorgehalten und mir fiel wie Schuppen von den Augen: nicht meine schrecklichen, angstvollen Gefühle waren in den letzten Jahren das Problem. Das Problem war, dass ich mich geweigert habe, sie zu fühlen. Natürlich stauen sie sich dann auf und irgendwann wird man Überflutet. Levi, ich habe mein halbes Leben die schrecklichen Gefühle meiner traumatischen Kindheit verdrängt. Ich habe sie so tief vor mir selbst versteckt, dass ich nicht nur ihre Existenz vergessen habe, sondern sogar, dass ich sie je versteckt habe. Wie sollte ich das auch aushalten? Meine Kindheit war über 10 Jahre lang von Angst, Gewalt, Gefahr und Eskalation geprägt. Im Therapeuten-Sprech würde man sagen: dysfunktionale Beziehungserfahrungen zu primären Bezugspersonen. Erlernte Hilflosigkeit, gebrochenes Urvertrauen.

 

Ich wil da jetzt gar nicht im Detail drauf eingehen, das kommt später noch im Laufe meiner Briefe. Ich will dir nur deutlich machen: ich hatte gute Gründe, das Gefühl Angst aus meinem Gefühlsleben herauszustreichen, abzuspalten, wegzuschieben. Über Jahrzehnte. Es war eine Überlebensstrategie. Dissoziation. Letztendlich habe ich wohl auch deswegen so viel gekifft. Kiffen beruhigt, kiffen lässt bei Dauerkonsum Gefühle abflachen und Kiffen ist ein sehr guter Helfer, wenn man Angst oder sonstige schwierige Gefühle aus seinem Leben streichen möchte. All die Gefühle, die ich nie fühlen wollte, all die Ängste, Zweifel und Sorgen stauten sich auf. Wie ein Ball oder eine Blase – randvoll mit all den schrecklichen Gefühlen, die man am liebsten niemals wieder anschauen geschweigedenn fühlen will . Mit genug Kraft kann man sie unterhalb der Wasseroberfläche halten. Und wenn man sich nur lange genug einredet,  man hätte die traumatischen Erfahrungen aus der Kindheit ja längst aufgearbeitet, schließlich könne man sich ja an sie erinnern, kann man sogar vergessen, dass man die Blase die ganze Zeit mit voller Kraft unter die Wasseroberfläche drückt. Wissen ist eben nicht fühlen. Dann wundert man sich eher über Rückenschmerzen, Unzufriedenheit, allgemeines Misstrauen gegenüber dem Leben oder soziale Isolation.  

 

Aber wenn die Kraft nachlässt, wenn die Lebenssituation sich zuspitzt oder die selben Dynamiken wie die der tiefsten kindlichen Traumatisierungen annimmt – dann, ja dann.. platzt die Blase. So geschehen vor nun bald 4,5 Jahren.  Sie Saamen der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, die in der Kindheit gesäät wurden, seit dem latent vorhanden waren und sich jahrzehnte lang nur in geringfügigen Symptomen zeigte, keimten auf. Und war so massiv, dass ich innerhalb weniger Tage nur noch ein kleines, klitzekleines Ding war, was so große Angst hatte, wie es sich nie hätte vorstellen können, dass dies möglich sei. Aber davon habe ich dir ja schon erzählt.

 

Erstaunlicherweise habe ich schon vor 7-8 Jahren, lange bevor mir all dies bewusst wurde, intuitiv eine interessante Geschichte geschrieben, die ich Dir an dieser Stelle zeigen möchte. Schon damals schien ich auf irgendeiner Ebene zu ahnen, was in mir brodelt.

 

„Der Kleine Kobold und die Misere

Eines tages erblickte ein lustiger kobold das licht der welt. Er war überrascht, wie kalt es auf der welt war, hatte er sich doch in seiner entstehungszeit in einer wunderbar weichen, warmen höhle befunden, in der alle seine bedürfnisse von ganz allein erfüllt wurden. Ohne sein zu tun. Zwar hatte er schon eine ahnung davon bekommen, dass die existenz als lustiger kobold nicht nur lustig, weich und lieb ist, sondern dass es auch mächte gab, die es nicht nur gut mit ihm meinten. Schließlich wurde er einst brutal und plötzlich aus der warmen wohligen höhle herausgezogen. Nie hätte er jedoch gedacht, dass dies nur der anfang des ganzen übels war. Nun stand er in der welt, beeindruckt von der kälte, geschockt von der weite, betroffen von der härte. Ohne einen plan. Er suchte vergleiche zu alten dingen. Dinge, die er erlebt hatte, bevor er in diese welt kam. Um orientierung zu finden. Es half alles nichts, er fühlte sich allein und sinnlos. Was sollte er hier für eine aufgabe erfüllen? Was macht das für einen sinn? Da sah er einen kleinen pilz am wegesrand stehen, der ihn anzulächeln schien. Der pilz sprach zu ihm: “Hallo kleiner Kobold! Ich habe dich schon erwartet!”. Der kleine kobold schaute verdutzt aus der wäsche und war ein bisschen erschrocken. Ein pilz, der sprechen kann. Das konnte einem schon ein bisschen Angst einjagen. Aber im innersten war er froh. Froh, jemanden gefunden zu haben, der ihn erwartet.

“Verspeise mich. Vielleicht dir dann alles etwas klarer", sprach der pilz.

Der kleine kobold sah ängstlich aus und aß schnell den pilz auf, ohne zu kauen, um der sache ein ende zu setzen. Sofort begann er zu glühen. Davon bekam er noch mehr angst, die sich jetzt in panik verwandelte. Er schien sich aufzulösen, in viele teile zu zerspringen. Immer mehr schichten blätterten von ihm ab. Es zerlegte ihn in alle einzelteile. Todesangst. Bis nur noch ein Ding übrig blieb. Ein klitzekleines Ding, was unheimlich viel angst verspürte. Doch dann begann es auch noch zu stürmen. Immer heftiger. Das kleine Ding vergaß immer mehr,  wer es eigentlich war, klammerte sich an die letzten fitzel angst, die noch nicht hinfort geweht wurden. Doch alle mühe war umsonst. Es konnte sich nicht mehr halten, wurde weggeweht und löste sich komplett auf.

"Jetzt ist kein kobold mehr da", dachte sich der kobold. Und keine angst. Und kein Kobold. Nur noch eins:  Nichts. "Jetzt kann ich endlich einfach sein" dachte sich das nichts. Aber es hatte die rechnung ohne den kobold gemacht. Er war schon wieder im begriff, sich wieder zusammenzusetzen, um dem nichts ein ende zu bereiten. Schicht für schicht. Die angst ließ er aus bequemlichkeit aber am boden liegen. dort, wo man sie nicht sehen musste, wo sie keiner finden würde. Wieder zusammen gesetzt wurde sich der kobold seiner lage bewusst. Dualität. Koboldhaftigheit. Alles strahlte, er balancierte zwischen den grashalmen hindurch, um keinen von diesen wunderbaren geschöpfen kaputt zu machen und machte sich auf den weg zu neuen abenteuern und aufgaben. Dass er die angst auf dem waldboden liegen gelassen hatte, damit sie keiner je finden würde, hatte er längst vergessen.“

30.3.15 20:47, kommentieren

2. März 2015

Heiligenfeld – ein Erfahrungsbericht

 

Wie soll man etwas beschreiben, was so vielschichtig, überwältigend emotional, berührend und so tief verändernd ist? Ich war so weit weg von mir selbst, so entfremdet, verschlossen und so wenig im Kontakt – weder mit mir selbst noch mit anderen Menschen. Man kann sagen, dass ich mich von anderen Menschen und dem Leben zurück gezogen habe. Ab und zu erlaubte ich einigen wenigen kurz Einzug in meinen kleinen Mikrocosmos zu halten. Aber bloß nicht zu tief. Und nicht zu lange. Und nicht zu oft. Ich wollte in Sicherheit bleiben, die Kontrolle behalten. Zu tief verletzt war ich, abgrundtief verletzt, so sensibel, schockiert und gleichzeitig bedürftig. Ich dachte immer, ich muss erst wieder ganz werden, wieder heil, gesund und stabil sein, dann kann ich vielleicht wieder in einen intensiven Kontakt mit anderen Menschen treten – und das auch genießen. Aber das Gesundwerden musste ich ganz alleine schaffen. Nur ich und meine Gedanken – und wenn es sein muss auch meine Gefühle. Aber bitte nur die Guten. Einen Therapeuten als helfende Person konnte ich gerade noch akzeptieren, aber im Wesentlichen musste ich den Weg selbst gehen. All den Schmerz verarbeiten. Mein Denken verändern, meine Gefühle ins Gleichgewicht bringen, wieder belastbarer werden, damit ich Verantwortung für mich, für meinen Sohn und für einen Job übernehmen könne. Alleingang. Einzelkämpfer. Wozu andere Menschen, wenn ich den Therapieprozess doch eh allein bewerkstelligen muss? Isoliert, verbissen und fast schon schrecklich perfektionistisch. Fehler machen und unperfekt sein? Keine Chance. Perfektionismus heißt Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Angst Fehler zu machen, heißt Angst vor Tadel. Und Angst vor Tadel heißt letztlich Angst vor Ablehnung oder noch tiefer: Angst vor Distanz,Angst vor dem Verlust von Geborgenheit, Angst allein gelassen zu werden.Von mir selbst und von Menschen, die mir wichtig sind. In Anbetracht meiner Angst, allein gelassen zu werden, ist es nicht fast schon grotesk, dass ich mich konsequent abschottete? Ich bemühte mich nach Leibeskräften alles richtig zu machen, mich zu therapieren, zu verändern, die äußeren Umstände zu Kontrollieren, um mir innere Sicherheit zu verschaffen. Wo war da noch Platz für andere Menschen als mir selbst oder gar für eine neue Beziehung zu einer Frau? Das war das Letzte, was ich mir vorstellen konnte. So tief verletzt werden.. daswollte ich niemals wieder erleben. Zu einer neuen Frau eine solche Nähe zuzulassen, wie zu Sabrina konnte ich mir nicht vorstellen. Und auch sonst keine Nähe. Das hätte ja bedeutet, Kontrolle abzugeben, ausgeliefert und abhängig zu sein. Verletzlich, weich, geöffnet. Gefahr, Gefahr, Gefahr. Ich musste schließlich hart sein, um zu überleben. Abgeklärt und statisch statt fließend, weich und lieb.

 

Mit dieser Haltung kam ich nach Heiligenfeld, dem Ort des Aufweichens. Intuitiv wusste ich, was meine Ziele dort sein müssten: Ganzheit herstellen, nichts mehr von dem, was in mir ist, abzulehnen, meine Gefühle wieder als das wahrzunehmen, was sie sind: Gefühle. Und keine schrecklich gefährlichen Katastrophen, die man am besten gut unter Kontrolle hält, damit sie das Leben nicht immer und immer wieder zerstören, so wie in den vergangenen Jahren. Aber dabei durfte mir gefälligst niemand zu nahe treten. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Am besten alle schrecklichen Gefühle in einen Eisschrank sperren, vergraben und den Schlüssel wegschmeißen. Dass es gar nicht meine Gefühle waren, die mein gerade wieder aufkeimendes Lebem wieder und wieder erstickten, sondern das nicht-fühlen-wollen und das damit einhergehende Aufstauen, bis irgendwann das Fass überläuft, war mir in dem Ausmaß nicht klar. Das heißt, ich hatte schon eine Ahnung davon. Aber wie sollte ich etwas ändern? Schließlich hatte ich alles versucht, was man nur versuchen kann. Nur eines nicht: in einen authentischen Kontakt mit anderen Menschen treten.

 

In Heiligenfeld wurde ich sofort mit meinen tiefsten Gefühlen konfrontiert und ich machte die Erfahrung, sie vor der gesamten Patientenschaft zu fühlen, auszudrücken und durch mich durch fließen zu lassen. Ich erinnere mich an mein Statement im Plenum, nach dem die Patienten, die die Klinik verließen, heftig emotionale Reden hielten, die mich bis ins Mark berührten. Als die neuen – also auch ich – begrüßt wurden, sagte ich nur „Ich bin gerade dermaßen geflasht, ich glaube so stark hab ich mich selbst seit Jahren nicht mehr gespürt“. Ich weiß gar nicht, was es war. Vielleicht Mitgefühl, ergriffen sein, zutiefst bewegt. Gelächter. Mitfühlendes, freundliches, akzeptierendes Gelächter. Keiner lehnte mich ab, alle waren berührt von meinem Gefühlsausbruch. Der abgeklärte neue Patient mit Mütze wurde aufgeknackt und liebevoll in Empfang genommen.

 

Heiligenfeld. Viel mehr als ein Krankenhaus. Eher eine Klinik für Menschen, die keine Kliniken mögen. Ein ganz besonderes Erfahrungsfeld, welches einem den kurzen Blick auf einen Zustand erhaschen lässt, wie das Leben auch sein könnte. Voller Achtsamkeit, Akzeptanz, Wertschätzung, Vertrauen und Liebe. Ein Ort der Tränen, des Tanzes, des Singens, des Ganzwerdens. Ein Ort der Heilung und Nachnährung. Zum ersten mal erlebte ich es am eigenem Geist: alle psychischen Probleme sind in Wirklichkeit Beziehungsprobleme. Kein Mensch kommt krank auf die Welt. Beziehungserfahrungen sind das, was uns Menschen formt. Und wenn alle psychischen Probleme Beziehungsprobleme sind, dann kann man sie doch wohl auch auch am besten in neuen  authentischeren Beziehungserfahrungen lösen?! Deswegen wohl auch das Prinzip der Kerngruppentherapie. Anfangs befremdlich, später fast überflüssig waren die kurzen 20 Minuten Einzeltherapie, die innerhalb einer Woche stattfanden. Der gesamte Rest findet in Gruppen statt. Die Kerngruppe als Lernfeld für neue Verhaltensmuster, korrigierende Erfahrungen, Trost, Unterstützung, Mut, Angst, Wut, Freude, Körperkontakt, Annahme und Mitgefühl. Ein Trainingsfeld für Menschen, die vom Leben schwer gebeutelt wurden und denen das Vertrauen verloren gegangen ist.

 

Habe ich vorher den etablierten Gruppen-Psychotherapie Wahlspruch „Störungen haben Vorrang“ als ein sich aus der Gruppe entfernen interpretiert, um die Anspannung einer emotional schwierige Situation allein zu regulieren, bekam diese Grundregel in Heiligenfeld eine neue Bedeutung. Geriet eine Person während der Gruppentherapie in eine schwierige Gefühlslage, zentrierte sich das Geschehen auf sie und sie wurde dazu angehalten, nicht die Gruppe zu verlassen. Im Gegenteil. Die Frage „Wie kann ihnen die Gruppe jetzt helfen?“ wurde in den Raum gestellt. So konnte die Person während ihrer heftigen Gefühle die Erfahrung machen: ich bleibe im Kontakt, verdränge das Gefühl nicht und die Anderen unterstützen mich dabei. Zum Beispiel durch Handhalten, Körperkontakt u.Ä. Vielleicht kann man sich selbst besser annehmen, wenn man die Erfahrung macht, nicht allein gelassen und abgelehnt zu werden, wenn man ein vermeindlich unerwünschtes Gefühl oder Verhalten zeigt? So entstehen wohl korrigierende, nachnährende Erfahrungen. Die Gemeinschaft trägt einen und das buchstäblich. So geschehen, als ich mich dazu durchrang, den verschlossenen Eisschrank in mir ein Stückchen zu öffnen und den Menschen, zu denen ich mittlerweile Vertrauen aufgebaut hatte, etwas von mir zu zeigen, was mit starken Schmerz, Angst und Leid behaftet ist. Noch während all dieser Gefühle trug mich die Gruppe auf Händen und wiegte mich summend hin und her. Loslassen, Vertrauen, getragen werden. Das nennt man dann wohl erfahrungsbasierte Psychotherapie. Wow. Wo passt der Heiligenfeld Runninggag besser als hier? Das war wirklich „Powered by emotion“.

 

Ebenso in einer Gruppentherapie mit ca 80 Leuten namens „Heilkraft der Stimme“. Es ist unglaublich intensiv, wenn sich so viele Menschen in einem großen, achteckigen Raum mit Glaskuppeldach zusammen finden und 30 Minuten ein mantra-artiges Meridianen-Lied singen, dessen Text lautete: „Ein Freund ist ein Mensch der die Melodie deines Herzens kennt, und sie Dir vorsingt, wenn du sie vergessen hast“ oder „Wie der Wind die Wolken treibt, trägt mich was durchs Leben. Alles fügt sich und es bleibt, innerer Frieden“ oder auch „Bin zu allem bereit, was die Seele befreit, trage Freude und Leid, durch die Zeit, atme tief, und mein Herz wird weit“. Dabei eine entsprechende Qi Gong Übung. Und das immer und immer wieder, bei jeder Widerholung eine neue Begegnung mit einem neuen Menschen. Sich in die Augen schauen, Kontakt herstellen, sich die Hände reichen und gemeinsam Singen. Unglaublich schön, zu tiefst emotional. Am Schluss liegen viele weinend auf dem Boden, haben Visionen, zittern, Gefühle brechen aus ihnen raus. Doch am Ende erleben die meisten ein Gefühl der Befreiung. Zur Integration schließt sich eine meditative Ruhephase an, in der ein zufälliges aber doch harmonisches Glockenspiel die letzten Reste von Blockaden harmonisiert.

 

Ich glaube das Wichtigste war die Erfahrung zu machen, wie zwischenmenschliche Beziehungen auch sein können. Nicht schrecklich dysfunktional und belastend, sondern verbindend. Gefühle teilen, Nähe zulassen, Wärme, Vertrauen und Geborgenheit statt Zwietracht, Konkurrenz, Leistungsdruck, emotionale Kälte und Missgunst.  Kontakt, Nähe und Wir-Gefühl , statt Ablehnung und Distanz und Ellenbogenmentalität. Echt werden statt Masken tragen. Ganz werden statt zu fragmentieren. Das Zusammenbrechen der Fassade zulassen und dahinter den echten Menschen sehen und spüren. Erfahrungen statt Gedanken. Aber auch Grenzen setzen, denn Kontakt erntsteht an der Grenze. Sich nicht mehr zu isolieren aus Angst verletzt zu werden. Größere Nähe zu erfahren, statt größere Distanz, wenn man authentisch etwas von sich zeigt, für das man sich schämt. Widerstände und Blockaden aufgeben, weichgespült werden. Das waren die wichtigsten Erfahrungen für mich. Die Nähe einer Frau zulassen, ja sie sogar in mein Bett lassen und die Nähe sogar genießen können. Verbundenheit empfinden und die Wut und Trauer der Vergangenheit wenigstens in dieser Zeit loslassen können. Überwältigend. Sich wieder ein bisschen verlieben, Annäherung und Kuscheln statt sich abzugrenzen. All das nennt man im Therapeutensprech wohl „korrigierende Beziehungserfahrungen“.

 

Ach, ich könnte noch so viel schreiben, all die Erkenntnisse erwähnen, das grundlegend neue Verständnis, was ich über mein Krankheitsbild entwickelte, die viele Therapien, die Facetten und blumig in allen Farben beschreiben, wie gerührt ich war, und wie traurig, als ich dieses Zauberland wieder verlassen musste. Letzten Endes kommt es aber wohl darauf an, etwas von dem Zauber mitzunehmen, die Erfahrung von Verbundenheit mit sich selbst und mit anderen Menschen in mein normales Leben zu integrieren. Symbiose und Autonomie müssen keine unüberwindbaren Gegensätze sein. So schaue ich auf meine Zeit in Heiligenfeld mit einem lächelnden und einem weinenden Auge zurück. Lächelnd gibt es mir Kraft und Sehnsucht nach einem Leben voller Intensität und Liebe, weinend verlasse ich die Menschen, mit denen ich so viel geteilt habe. Heiligenfeld? Kann man mit arbeiten würde ich sagen! ;-)

 

 

 

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12. Januar 2015

Hallo Levi,

Ich habe Dir schon lange nicht mehr geschrieben. Bei mir und bei Dir war einiges los. Deine Oma hatte einen Schlaganfall und extrem hohen Blutdruck, nun muss sie Medikamente nehmen, war einige Tage im Krankenhaus. Ich habe in der Zeit in ihrer Wohnung gewohnt und ihren Hund versorgt. 

Dann hat man bei meinem Vater Vorhofflimmern festgestellt, also eine Herzkrankheit. Meine schwester und ihr Baby haben eine Lungenentzünding. Und deine Mama hat mir neulich erzählt, dass du nachts aufgewacht bist und panische Angst hattest, von Krokodilen gefressen zu werden und dass du keine Freunde hättest und keiner Dich lieb hat. Nicht mal dein Papa, ja, gerade dein Papa hätte Dich nicht lieb. Das hast du zwei mal gesagt.

Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie unglaublich weh es getan hat, das zu hören. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie Du darauf kommst. Nächtelang war ich wach. Letztlich konnte ich mir nur zwei Erklärungen vorstellen:

1) Meine psychische Erkrankung. Vielleicht fühlst du manchmal unbewusst, dass es für mich nicht immer einfach ist, Dich abzuholen, dass dabei in mir nicht nur positive Gefühle entstehen, sondern dass die Verantwortung für Dich bei mir auch Ängstlichkeit erweckt. Oder dass ich traurig wirke. Vielleicht beziehst du das auf Dich, denkst, ich hätte dich nicht lieb.

2) Die Trennungssituation. Vielleicht glaubst Du, dein Papa würde nicht mehr bei Dir und deiner Mama wohnen, weil er Dich nicht mehr lieb hat.

Gestern musste ich Dir, meinen 3,5 jährigen Sohn, erklären, dass ich übermorgen für 5-6 Wochen nicht mehr da bin, in eine psychosomatische Rehaklinik in Süddeutschland fahre. Ich habe mir schon Tage vorher Gedanken gemacht, wie ich Dir das erklären kann. Gerade in Anbetracht dessen, was ich eben beschrieben habe. Ein wirklich ungünstiger Zeitpunkt, um für einige Zeit aus deinem Leben zu verschwinden. Aber ich muss das tun, ich muss es für mich tun, um damit auch etwas für Dich zu tun. Dir geht es gut, wenn es mir gut geht und mir geht es gut, wenn es Dir gut geht. Diese Reha wird nach 40 Sitzungen kognitiver Verhaltenstherapie, diverser Klinikaufenthalte, Medikamente usw usf ein neuer Versuch für mich, echt zu werden. Mich mit all meinen Verdrängten Persönlichkeitsanteilen anzunehmen, ganz zu werden. Ich tue das, damit du einen Vater hast, auf den Du stolz sein kannst. Trotzdem fahre ich mit einem weinenden und einem lächelnden Auge. Ich brauche definitiv eine Auszeit. Wenn du wüsstest, was im letzten Jahr alles passiert ist... Irgendwann wirst du mich verstehen. Das hoffe ich und deswegen schreibe ich Dir diese Briefe an dein späteres Erwachsenen-Ich. Wenn ich in der Reha bin, werde ich dir Briefe an dein jetziges Kinder-Ich schreiben und dich jeden Abend anrufen.

 

Ach Levi, ich weiß, es ist alles schwer, so schwer. Aber alles wird sich zum Guten wenden. Trotz aller Desillusionierungen, trotz allem, was geschehen ist, diesen Rest an Zuversicht kann mir nichts und niemand nehmen.

 

Dein Papa

2 Kommentare 12.1.15 16:17, kommentieren

5. Dezember 2014 Part II

Mein Sohn,

 

Auf der Arbeit sprach man mich schon drauf an, was mit mir los sei. Ich muss dazu sagen, dass ich damals niemanden von meiner psychischen Erkrankung erzählt habe. Ich habe mich dafür geschämt. Diese Ängste, diese Abgründe – das waren Seiten an mir, die ich auf gar keinen Fall sehen und schnellstmöglich ausmerzen wollte. Selbstverständlich durfte sie auch sonst niemand sehen, wenn ich sie schon nicht sehen wollte. Arbeitskollegen schon gar nicht. Der Schein des selbstsicheren, in sich ruhenden Jon, der mit jeder Problemsituation klar kommt und konstruktive Lösungsmöglichkeiten erarbeitet und durchführt, sollte erhalten bleiben. Mein altes Selbstbild sollte nicht ins Wanken geraten. Trotzdem sah man mir bei der Arbeit natürlich an, dass es mir nicht gut ging. Während der Arbeit konnte ich mich noch einigermaßen auf meine Aufgaben focusieren und kam einigermaßen klar. Manchmal stellte sich sogar ein „Flow“ Gefühl ein.  Flow ist ein Begriff aus der Verhaltenspsychologie, der den Zustand beschreibt, wenn die Anforderungen gleich der Leistungsfähigkeit sind. Positiver Stress im Grunde. Man fühlt sich im Fluss, es gibt kein Stocken im Arbeitsprozess, man weiß genau, was man wann und wie zu tun hat. Das war ein gutes Gefühl, es war quasi die konträre Polarität der Situation zuhause.

 

Mit zunehmender Desillusionierung, Verzweiflung und Depression geriet ich jedoch auch bei der Arbeit in krisenhafte Zustände. Als wäre der Druck nicht eh schon groß genug, stand auch noch eine Vertragsverlängerung in wenigen Monaten an. Ich hatte ja nur einen auf 1 Jahr befristeten Arbeitsvertrag. Ich musste also ein gutes Bild abgeben, einen guten Job leisten, damit man meinen Arbeitsvertrag verlängert. Bis dahin machte ich mir darum eigentlich keine Sorgen, denn ich leistete gute Arbeit. Ich baute innerhalb der vollstationären Wohneinrichtung ein Trainingswohnprojekt mit ambulanten Strukturen auf, in denen relativ selbstständige Klienten üben konnten, in einer eigenen Wohnung zu leben. Ich erarbeitete das Konzept, führte die „Mietertreffen“ durch, bearbeitete mit den Klienten psychosoziale Konflikte innerhalb der WGs und gab wertvollen Input auf den Teamsitzungen.  Alle schätzen mich als kompetenten, humorvollen Kollegen, der zwar ein bisschen freakig war, aber mit dem man auch mal bei einer Zigarette in der Pause über sonstwas schnacken konnte. Langsam begannen meine Arbeitskollegen die andere Seite an mir wahrzunehmen.

 

Zuhause musste ich oft weinen, weil ich so hypersensibel für schlechte Stimmung in der Paarbeziehung war. Ich wollte doch nur, dass wir zusammen halten, dass wir lieb zueinander sind, dass wir uns wertschätzen. Als es mir richtig schlecht ging, wollte ich, dass deine Mama mir sagt: wir schaffen das zusammen. Als ich eine Mittelohrentzündung bekam und die ganze Nacht unfassbare Schmerzen hatte – deine Mama und ich schliefen zu dem Zeitpunkt nicht im selben Bett - , gegen die auch 4-5 Ibuprofenpillen nichts ausrichten konnten, kam ich morgens ins Zimmer deiner Mama und erzählte ihr, was ich für Schmerzen hatte. Ihr Kommentar war: „Da kann ich dir auch nicht helfen“. Natürlich konnte sie das nicht und das erwartete ich auch nicht. Aber ein bisschen Mitgefühl, eine Umarmung, ein paar Nette Worte – das hätte mir ein gutes Gefühl gegeben. Ein Gefühl, dass wir zusammenhalten und zusammen gehören. Aber da war gar nichts mehr. Kein Feeling, keine Connection. Als ich immer depressiver wurde, distanzierte sie sich zunehmend von mir. Das machte mich wiederum noch mehr fertig, es ging mir noch schlechter und sie distanzierte sich noch mehr von mir. Ein Teufelskreis.

 

Darüber hinaus wollte sie von meinem „Psychokram“ nichts mehr wissen. Meinen therapeutischen Prozess, meine psychischen Probleme sollte nicht mehr Teil unserer Lebensrealität sein. Sie war es leid, darüber zu sprechen oder sich etwas darüber anzuhören. Sie wollte diese Seite an mir genauso wenig sehen, wie ich. Sie wollte ihren alten Partner wieder haben, das sagte sie mir mehrfach. Aber ich musste diese Seiten an mir sehen, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Ich begann zu ahnen, dass alles zerbrechen würde, wenn ich weiterhin Angstzustände hätte und ihr davon erzählte. Also lehnte ich diese Seite an mir noch mehr ab und versuchte sie noch intensiver zu bekämpfen, auszulöschen, zu verdrängen, wegzuschieben, auszumerzen. Ich wollte ja nicht noch das letzte verlieren, was ich hatte. Je mehr ich das offensichtliche versuchte wegzuschieben, desto schlimmer wurden die Ängste. Natürlich. Das, was man am wenigsten wahrhaben will, drängt sich am stärksten ins Bewusstsein. Die Angst war ja nichts Abstraktes, was von Außen kam. Das war ich, das war mein Leben. Der wöchentliche Besuch bei meinem Psychotherapeuten hielt mich einigermaßen am Leben. Aber Leben war das nicht mehr, es war ein reines Überleben.

 

Weihnachten ging vorüber und am Silvesterabend saß ich mit  Tränen in den Augen nachts um 12 Uhr mit einem piccolo Sekt am Fenster und guckte mir von drinnen das Feuerwerk an, während deine Mama mit Dir im Nebenzimmer im Bett lag und schlief.

 

 

Dein Papa

5.12.14 20:39, kommentieren

5. Dezember 2014

Hallo Levi,

 

deine Mama hingegen fühlte sich, wenn ich arbeiten ging, alleine. Sie freute sich immer darauf, wenn ich spätabends nach Hause kam. Ich hatte zu der Zeit fast nur Spätdienste von 15:00 bis 22:00 uhr, war also erst gegen 22:30 Uhr zuhause. Im Grunde machte es keinen riesen Unterschied, ob ich zuhause war, oder nicht. Beim Stillen konnte ich ihr nicht helfen. Aber natürlich war es für sie ein besseres Gefühl, wenn sie wusste: ihr Partner ist bei ihr und wir schaffen das zusammen. Das Gleiche habe ich mir übrigens später auch gewünscht, als es mir psychisch zunehmend wieder sehr viel schlechter ging. Aber dazu später mehr.

 

Während ich in den ersten Wochen froh war, dass ich sowohl Arbeit als auch Familienleben – bei allen Schwierigkeiten – mehr oder weniger gebacken bekommen habe, ging es deiner Mama nach wie vor nicht gut.  Später erzählte sie mir, was zu der Zeit teilweise für Gedanken hatte: „Ich könnte aus dem Fenster springen, ist ja nur der 2. Stock. Dann wäre ich nicht tot, wäre aber verletzt und müsste ins Krankenhaus. Dann könnte ich zwangsweise die Mutterrolle, mit der ich gerade gar nicht klar komme, nicht mehr ausfüllen“. Natürlich hatte sie schreckliche Schuldgefühle, weil sie solche Gedanken hatte, und es ging ihr wiederum noch schlechter. Levi, mir ist klar, wie das auf Dich wirken muss, wenn ich dir solche Dinge verrate. Aber ich habe mich entschieden, Dir zu erzählen, wie die Situation war, als du geboren wurdest. Und das ist nun mal die bittere Wahrheit. Wir haben Dich von Anfang an über alles geliebt. Aber der Schritt vom Paar zur Familie war so schwer und die Messerstiche ins Herz, die deine Mama dadurch empfand, dass sie sich vermeintlich nicht gut genug um Dich kümmern konnte – nicht gut genug für die Mutterrolle war – wiegten schwer. Mir tat es in der Seele weh. Aber was konnte ich tun, außer für die Familie zu sorgen und für Dich und deine Mama da zu sein? Zeit für uns als Paar, die wir gebraucht hätten, um uns nicht voneinander zu entfernen,  hatten wir gar nicht mehr. Nicht wenig, nicht gelegentlich, sondern tatsächlich: gar nicht. Und das über Monate. Die Beziehungsdynamik begann aus dem Ruder zu laufen. Unausgesprochene gegenseitige Vorwürfe, unterschwellige Schuldzuweisungen, Unverständnis auf beiden Seiten. Deine Mama nahm zunehmend folgende Haltung ein: Sie hatte ihr komplettes vorheriges Leben verloren, war 24 Stunden ans Haus gefesselt. Ich hingegen hatte mein Leben behalten können, ging täglich 7 Stunden arbeiten und hatte „Normalität“. So empfand sie die Situation. Neid, Mussgunst, Eifersucht, Verständnislosigkeit. Aber keinerlei Wertschätzung dessen, was ich leistete. Dass ich noch vor ein paar Monaten kaum das Haus verlassen konnte wegen den massiven Angstzuständen und dass ich das ganze letzte Jahr durch die Hölle gegangen war und mein komplettes vorheriges Leben verloren hatte, konnte sie nicht sehen. Auch die knüppelharte psychotherapeutische Konfrontationstherapie, die ich durchstand, um  wenigstens einigermaßen zu funktionieren und für die Familie da sein zu können, konnte sie nicht sehen.   

 

Irgendwann kam es zur Eskalation. Sie schrieb damals Texte in einen blog, durch einen doofen Zufall stieß ich auf einen dieser Texte, in dem sie sich in einer absolut unangebrachten, unempathischen, verletzenden Härte darüber auskotzte, wie unzufrieden sie mit der Situation und mit mir war. Sie sprach von mir als „der Mann, der sich nach der Arbeit erstmal in die Badewanne legt“, während sie ihr ganzes Leben verloren und alle Arbeit mit dem Baby hätte. Das traf mich sehr, sehr tief ins Herz, hat mich unglaublich verletzt. Ich konfrontierte sie damit, aber die Situation ließ sich nicht klären, zu sehr kochten die Emotionen über, zu groß war die Belastungssituation. So kam es also, dass die Stimmung langsam aber sicher immer schlechter wurde. Ich versuchte alles, um das zu ändern, ich fragte meine Mutter, ob sie einmal in der Woche mit Dir im Kinderwagen für 1-2 Stunden spazieren geht, damit wir wenigstens einmal etwas Zeit haben, um miteinander zu sprechen. Ich versuchte das therapeutische instrument des „partnerschaftlichen Zwigespräches“ einzuführen, was in solchen Situationen empfohlen wird. Ich versuchte alles, was in meiner Macht stand.  Ich wollte verzweifelt, alles am Laufen zu halten, verbog mich, stellte alle meine Bedürfnisse zurück. Aber es nützte alles nichts. Die Situation war verkantet und verfahren.

 

Nach zwei drei Monaten ging es deiner Mama besser. Sie hatte sich inzwischen mit ihrer Identität als Mutter  arangiert, die Wochenbettdepression klang aus und sie rappelte sich wieder auf. Die Situation zwischen uns als Paar war natürlich unverändert und auch die Probleme, die wir damit hatten, Dich zum schlafen zu bewegen, dich zu Stillen und zu beruhigen bestanden weiter. Kurz: die Belastungssituation war die Gleiche, aber deiner Mama ging es etwas besser damit. Das war der Punkt an dem sich mein eigener Zustand rapide verschlechterte. Klar, ich wusste durch erzählungen und durch das lesen zahlreicher Bücher über Elternschaft, dass es für ein Paar am Anfang eine große Herausforderung ist, zur Familie zu werden. So hoffte ich, dass sich nach einigen Wochen oder Monaten alles einspielen und in Wohlgefallen auflöste. Aber das tat es nicht und ich verzweifelte langsam.

 

Hatte ich zuvor hauptsächlich Probleme mit Ängsten gehabt, wurde ich nun immer depressiver. Ich fühlte mich wie in einer Sackgasse. So hatten wir uns das beide nicht vorgestellt. Wir wollten die perfekte Familie sein, uns trotz Elternschaft als Paar fühlen und alles machen, was Paare eben so machen. Die Realitätskluft hingegen hätte nicht größer sein können. Ich fragte mich: „Das ist jetzt also dein Leben?“. Ich bekam wieder häufiger Panikattacken, das Arbeiten wurde schwieriger und alles steuerte auf eine große psychische Krise hin, wie vor einem Jahr. Davor hatte ich eine scheiß Angst. Ich versuchte erstmals mich mit Johanniskrautextrakt, ein pflanzliches Antidepressivum, über Wasser zu halten – mit mäßigem Erfolg. Es wurde langsam Winter, alles steuerte auf Weihnachten zu. Das Fest der Liebe. Liebe konnte ich zwischen deiner Mama und mir kaum noch verspüren. Den Schein zu wahren, wurde auch immer schwerer. Stattdessen nur Druck und Vorwürfe.

 

Dein Papa

5.12.14 18:08, kommentieren

2. Dezember 2014

Mein lieber Levi,

 

Das war vielleicht aufregend! Im Krankenhaus warst du stets in irgendwelche Tücher eingewickelt. Für die Heimfahrt hatten wir Dir extra ein neues Outfit besorgt. Einen weissen Strampelanzug und einen blauen Kapuzenpullover. Schließlich solltest du beim Start in diese Welt gleich einen gewissen Style an den Tag legen ;-) Alles sollte perfekt sein.

 

So standen wir mit unseren gepackten Taschen und einem Autositz für Babys vor dem Krankenhaus und stiegen ins Taxi. Deine erste Autofahrt. So weit ich mich erinnere, hast du die ganze Fahrt geweint. Total abgefahren war es  mit Dir das erste mal unsere Wohnung zu betreten. Zu zweit hatten wir sie verlassen, zu dritt kamen wir wieder. Natürlich hatten wir schon alles vorbereitet.  Aber auf das Leben als Familie kann man sich – ich erwähnte es schon – nicht vorbereiten. Wir kamen also aus der unterstützenden, Sicherheit und haltgebenden Klinikatmosphäre zurück in unser Leben und waren – das muss man wohl ganz klar sagen – von Anfang an überfordert. Das Stillen klappte nicht richtig, wir hatten Angst, dass du nicht genug Nahrung bekommen würdest. Und schlafen wolltest Du auch nicht. Dafür umso mehr weinen und schreien. Für deine Mama war es sehr schlimm und belastend, dass sie scheinbar keine guten Mutterqualitäten hatte. Dabei gab sie sich die größte Mühe, ihrer neuen Rolle gerecht zu werden. Die postnatale Depression tat ihr übrigens. Kurz: es ging ihr schlecht, sehr schlecht. Die Folgen der Operation, des Kaiserschnittes, waren das I-Tüpfelchen auf der ganzen Sache. Gottseidank konnte ich es mit meiner Arbeitstelle so absprechen, dass ich, wenn sich die Geburt anbahnt, spontan erstmal 2 Wochen Urlaub nehmen konnte. Ein großes Zuvorkommen, denn ich war schließlich in der Probezeit. Normalerweise kann man in der Probezeit, wenn überhaupt, nur so viel Urlaub nehmen, wie man sich zuvor „erarbeitet“ hat.

 

Nichts desto trotz, ich war Zuhause, war für meine neue Familie da und versuchte alles so gut ich eben konnte zu bewerkstelligen. Die ersten Tage Zuhause waren eine Mischung aus väterlicher Liebesverzauberung, Schlafmangel -  denn wenn überhapt hast Du ja nur für eine halbe Stunde am Stück geschlafen – und dem überwältigenden Gefühl, einen neuen Sinn, eine neue Aufgabe im Leben gefunden zu haben. Es tat mir sehr weh, zu sehen, wie deine Mama litt und wie ich ihr nicht dabei helfen konnte, aus ihrer persönlichen Hölle wieder herauszukommen. Wahrscheinlich hat sie ähnlich gefühlt, als ein Jahr zuvor die Angststörung „aus heiterem Himmel“ über mich herein brach. Ich versuchte so gut es ging für sie da zu sein, übernahm selbstverständlich alle Aufgaben im Haushalt, Einkäufe, massierte sie, damit sie sich mal entspannen konnte, kochte für uns, wickelte Dich, kuschelte mit Dir, legte Dich auf meine Brust, damit du dich sicher fühlst und vieles mehr.

 

Nach einigen Tagen wurde die Tatsache, dass du ein sogenanntes „Schreikind“ warst (der Begriff ist absolut daneben), unter „emotionalen Regulationsstörungen“ littst, nahezu nicht schliefst und das Stillen nicht klappte, zum echten Problem. Wir versuchten unser Bestes, um eine Atmosphäre der Sicherheit, der Geborgenheit, des Schutzes und der Liebe herzustellen, damit Du dich in Deine neue Existenz auf dieser Erde hineinfallen lassen konntest. Aber diese Versuche waren oberflächlich, denn es herrschte nun mal keine Atmosphähre der Geborgenheit, sondern Du wurdest in eine Situation der Unsicherheit, der Angst und der Überforderung hineingeboren. Während ich diese Zeilen schreibe, kommen mir die Tränen. Ich hätte die so gerne von Anfang an alles nur erdenkliche bieten können, damit du dich sicher fühlst. Aber ich konnte es nicht, so sehr ich mich auch darum bemühte. Ich wusste nur eins: ich musste funktionieren, denn deine Mama funktionierte kaum noch. Und ich muss bei allem Zweifel, bei allen Schuldgefühlen auch sagen: ich funktionierte sehr gut!

Wir fingen an, alle nur erdenklichen Strategien zu entwickeln,  um dir zumindest ein friedliches Schlafen zu ermöglichen. Nichts half. Die einzige Taktik, wie Du zu etwas Schlaf kamst, war, dass ich dich in einer Tragetasche herumtrug. Aber schlau wie Du schon damals warst, klappte das nur, wenn ich mit der Tragetasche auch wirklich herum lief. Auf der Stelle stehen und ein bisschen herumwippen funktionierte nicht. Du wolltest, dass ich mit der Tragetasche im Treppenhaus hoch und runter lief – nur so konntest Du einschlafen. So kam es, dass ich in den ersten zwei Wochen nach deiner Geburt gefühlte 50 kilometer Treppen rauf und runter lief, während deine Mama versuchte, mit einer Milchpumpe Milch aus ihren Brüsten rauszupumpen, um sie Dir dann mit einer Flasche zu verabreichen. Das Stillen klappte ja nicht. Dieses Prozedere empfand sie als dermaßen entwürdigend und in ihrer Ehre als Mutter kränkend, dass sie damit bald wieder aufhörte. Sie fühlte sich wie eine „Milchkuh“, die zu dumm ist, ihr eigenes Kind zu stillen und deswegen an eine Maschine angeschlossen werden muss.

 

Manchmal gelang es, Dich zum schlafen zu bewegen, wenn wir einen Föhn laufen ließen. Im Nachhinein gesehen sicher kein gutes Vorgehen, durch Lärm von der inneren Unruhe abzulenken statt durch Geborgenheit. Verdammt noch mal, wir gaben unser Bestes. Aber wenn die Basis nicht stimmt, wenn die Mutter schwer depressiv ist und der Vater eigentlich genug damit zu  tun hätte, mich sich selbst klar zu kommen, lässt sich eben nur schwer eine heilsame, beruhigende Atmosphäre herstellen – und das hast du wahrgenommen. Ein  hochsensibles, verletzliches Wesen. Genau wie dein Papa.

 

Manchmal ging ich mir dir auf den Arm 2 Stunden durch die Wohnung und sang dir dabei Lieder vor. Immer wenn du gerade eingeschlafen warst, versuchte ich, mich mit Dir auf meiner Brust liegend aufs Bett zu legen. Aber dann bist du wieder aufgewacht und ich musste weiter mit dir durch die Wohnung laufen. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich wieder arbeiten musste. Für mich eine zwiespältige Situation, denn jetzt konnte ich deine Mama den Großteil des Tages nicht mehr unterstützen. Aber eben auch eine gewisse Erleichterung, das muss ich ehrlich sagen. Endlich wieder ein Stück Normalität. Meinen Job konnte ich blind ausführen, auch wenn meine Psyche extrem angeknackst war. Das Standardprogramm für die Betreuung von Behinderten abzuspulen, das war kein Problem. Weit weniger komplex, als Dich zu beruhigen. So war es eine Art Auszeit, arbeiten zu gehen, die ich manchmal sogar genoss.

 

Dein Papa

 


3.12.14 19:54, kommentieren

17. November 2014 Part II

Hallo Levi,

 

ich kann mich noch gut an die erste Nacht nach deiner Geburt im Krankenhaus erinnern, in der wir eigentlich schlafen wollten... Als wir das Prozedere des ersten Tages nach deiner Geburt hinter uns hatten, und Du auf allen erdenklichen Ebenen vermessen, gewogen, geprüft, analysiert und kategorisiert wurdest, waren wir froh, als es endlich Abend wurde und etwas Ruhe einkehrte. Wir waren wirklich sehr, sehr müde und ausgezehrt. Kurz nach dem wir alle drei eingeschlafen waren, meldetest du Dich erstmals in einer Intensität zu Wort, die noch im Schwesternzimmer zwei Gänge weiter zu hören war. Damals dachte ich, während ich Dich durchs Zimmer trug, um Dich zu beruhigen – Stillen klappte nicht so ganz, bei deiner Mama konntest Du dich nicht beruhigen : „Na da haben wir uns ja was aufgehalst!“. Und das war ja nur der erste, winzig kleine Vorgeschmack auf alles, was noch kommen sollte ;-) Ich glaube, für Deine Mama war es ziemlich unschön, dass sie sich zum einen nicht richtig um Dich kümmer konnte, weil sie sich kaum in der Lage war, sich zu bewegen, zum anderen, dass das Stillen nicht richtig klappte. Vielleicht fühlte sie sich als schlechte Mutter. Das tat mir sehr leid, aber ich konnte die Situation ja nicht ändern. Ich fühlte mich hingegen als sehr guter Vater, weil ich in kurzer Zeit meine Unsicherheit verlor und dich „handeln“ konnte. Aber ich war ja auch nicht derjenige, der dich Stillen sollte – eine existenzielle Tätigkeit, in die ich mich nicht wirklich hineinfühlen kann.  Wenn das nicht richtig klappt, fühlt man sich als Mutter sicherlich scheiße.

 

So ein Kaiserschnitt scheint eine recht heftige Operation zu sein. Die Nachwirkungen waren bei deiner Mama jedenfalls stark. Am nächsten Morgen drängte man Sie dazu, erstmals aufzustehen. Ich konnte kaum glauben, dass das in ihrem Zustand möglich sein sollte. Aber das war es und es gehört wohl heutzutage zum üblichen Vorgehen, dass man nach einer Operation möglichst schnell wieder laufen soll. Ihre ersten wackeligen Schritte waren dann ein Gang zur Toilette.

 

Die Atmosphäre in der Geburtsstation war eine ganz eigene, spezielle, die man kaum beschreiben kann. Es hatte ein bisschen was von Feriencamp. Während die Mütter alle in ihren Zimmern lagen, traf man auf dem Flur oft andere frische Väter, mit denen man ein paar Worte wechselte. Es war für alle eine Extremsituation und man teilte sie in einem gewissen Maße mit den Anderen. Alle wirkten wie verzaubert, alle machten gerade die gleiche Erfahrung. Sehr abgefahren.

 

Ich glaube wir waren insgesamt drei oder vier Tage im Krankenhaus. Gegen ende erfolgte eine Ultraschalluntersuchung des Unterleibes deiner Mutter. Es sollte geprüft werden ob auch alles wieder richtig verwächst und Ähnliches. Auf dem Bildschirm sah man Dich jetzt nicht mehr, sondern nur noch ein schwarzes Nichts. Das war für deine Mutter ein Schock, eine traumatische Erfahrung, die sie noch sehr viel später beschäftigte. Rational kann man das wohl nicht wirklich nachvollziehen, schließlich warst du ja jetzt bei uns. Das war doch der Sinn der ganzen Sache.  Deine Mama erlebte es jedoch so, dass man sie einfach aufgeschnitten und von jetzt auf gleich die Symbiose durchbrochen hatte, in der ihr beide 9 Monate lang gelebt habt. In ihr war jetzt nichts mehr davon übrig, nur noch ein undefinierbares Nichts. Ich kann als Mann nur mutmaßen, aber vermutlich brauchen Frauen die Erfahrung des Geburtsprozesses, den Kampf, die existenziellen Ängste und das volle Ausmaß an Intensität der Erfahrung, um akzeptieren zu können, dass die Ureinheit jetzt ein Ende gefunden hat und eine natürliche Autonomie des Babys parallel zur Mutter entstanden ist. Die Natur hat es ja nicht umsonst so eingerichtet. Der Kaiserschnitt hatte zur Folge, dass dem Prozess des Mutterwerdens der wichtigste mittlere Teil felte. Der Kampf um das Baby auf die Welt zu bringen. Die Schmerzen, der Kontrollverlust, die Angst. Letztlich ein Kampf um Leben und Tod. Geburt und Tod - ein gemeinsamer Kontext, kaum voneinander abzugrenzen. Transformation.

 

Ich habe mir im Nachhinein natürlich meine Gedanken drüber gemacht, aber so richtig nachvollziehen kann ich das natürlich nicht. Ich kann nur spekulieren, wie es ist, wenn man um diese Urerfahrung beraubt wird. Jedenfalls litt deinen Mama sehr darunter, auf dem Ultraschall plötzlich nichts mehr zu sehen. Ingesamt gesehen ging es ihr psychisch zunehmend schlechter. Die postnatale Depression, wie sie einige Frauen nach der Geburt erleben, schlug voll zu. So wollte sie eigentlich auch gern noch länger im Krankenhaus bleiben, vermutlich weil es ihr eine Atmosphäre von Sicherheit und Hilfe vermittelte. Ich hingegen war nach 4 Tagen recht froh, als wir die Entscheidung trafen, mit unserem neuen Familienmitglied zurück nach Hause zu fahren.

 

Dein Papa

17.11.14 18:49, kommentieren

17. November 2014

Hallo mein Sohn,

 

so bist du also auf die Welt gekommen. Offensichtlich hattest du schon  als ungeborenes Menschenwesen einen Hang zu dramatischen Auftritten. Das hat sich bis heute nicht geändert..

Die wenigen Stunden, die wir mit Dir zusammen im Geburtszimmer des Kreißsaals verbrachten, werde ich nie vergessen. Du warst so klein, so unfassbar schutzlos und zerbrechlich, verletzlich und auf uns angewiesen; und so unglaublich niedlich – auch wenn aus normaler sicht ohne die „frische Eltern-Brille“ die Niedlichkeit eines kleinen zerknautschten, bläulichen Zellhaufens, der nur schreit, aussieht wie ein 500 Jahre alter außerirdischer Greis und nicht alleine pupsen kann, mal dahin gestellt sei ;-) Für uns warst du Die Symbiose aus Sabrina und Jon aber gleichzeitig etwas vollkommen Neues, Unbekanntes. Früher dachte ich immer, mindestens 90% der Charaktereigenschaften eines Menschen sind das Resultat von seinen gemachten Erfahrungen, höchstens 10% bringt ein Kind mit. Nach deiner Geburt musste ich mir eingestehen, dass es wohl eher umgekehrt ist. Du sahst aus, als hättest du schon etliche Reinkarnationen hinter dir und du hattest etwas Unbeschreibliches, was man nicht in Worte fassen kann, aus dem Universum mitgebracht. Eine Energie, eine Schwingung, die ganz offensichtlich schon vorhanden war, noch bevor Du übehaupt irgendeine Erfahrungen auf dieser Erde gemacht hattest. Kurz gesagt: du warst von Anfang an eine vollwertige Persönlichkeit. Ein echter Charakter.  Das hielt Dich nicht davon ab, uns später mächtig auf Trab zu halten. Noch im Kreißsaal ließ man uns erstmals mit Dir für einige Stunden allein. Da lagst du nun also auf deiner Mama, die sich noch von ihrer Teilnarkose erholen musste und sich nicht bewegen konnte. Manchmal fingst du fürchterlich an zu schreien und hast Dich erst beruhigt, wenn wir beide Körperkontakt hatten und ichmit Dir gesprochen habe. Darauf war ich sehr Stolz, denn ich hatte das Gefühl, du hast mich wiedererkannt. Schließlich hatte ich dir schon Geschichten erzählt und mit Dir gesprochen, als du noch im Bauch warst.

 

Alles war vollkommen unwirklich. Wir hattet tatsächlich ein Baby. Nichts würde von nun an mehr so sein, wie noch vor wenigen Stunden. Gegen morgen brachte man uns dann vom Kreißsaal in die Station, wo wir ein Mehrbettzimmer hatten, was wir als Familie bewohnen konnten. Das war ein Glücksgriff,  oft müssen sich Mütter aus Kapazitätsgründen nach der Geburt die Mehrbettzimmer mit anderen Müttern teilen und die Vater müssen Nachts zu Hause ausharren. Wir hingegen waren nun zu dritt und hatten die zwei großen Betten zusammen gerückt. In der Mitte lagst du. Wir wollten Dich bei uns haben und Sich nicht in die Wiege legen, wie es uns die Krankenschwestern geraten hatten.

 

Es war etwa 6 Uhr morgens, wir hatten seit knapp 24 Stunden nicht geschlafen, als Du zum ersten mal „angelegt“ wurdest. So nennt man es, wenn Babys nuckeln. Du warst etwas eigensinnig und Stillen klappte nicht so gut, wie es sollte. Ansonsten hast du aber fast durchgehend geschlafen. Noch. Du warst eindeutig noch nicht richtig in dieser Dimension angekommen . Man könnte meinen, dass man uns nun erstmal in Ruhe unserem neuen Familienglück hätte fröhnen lassen, aber dem war nicht so. Immer wenn wir gerade wegdösten, kamen Ärzte oder Schwestern ins Zimmer und wollten irgendwas messen, verabreichen, besprechen, nachprüfen, testen und und und. Wir waren mittlerweile ziemlich fertig und der Tag ging schon schwer auf Mittag zum als wir immer noch keine Minute geschlafen hatten.

 

Inzwischen hatte die Narkose deiner Mama nachgelassen und die Post-Operationsschmerzen begonnen. Ihr ging es nicht gut und die Tatsache, dass sie sich nicht bewegen und sich deswegen nicht vernünftig um Dich kümmern konnte, war für sie schwer zu ertragen. Im Wesentlichen kümmerte ich mich um Dich, so gut ich eben konnte, machte Dir zum ersten mal die Windel und konnte es gar nicht fassen, wie klein du warst und wie gut du umsorgt werden musstest. Man hatte am Anfang ja Hemmungen, traute sich gar nicht richtig, Dich anzufassen, weil du so wahnsinnig empfindlich zu sein schienst. Die Schwestern zeigten mir, wie man Dich richtig wickelt und wenn du geweint hast, habe ich Dich durchs Zimmer getragen. An meiner Brust, damit du meinen Herzschlag spürst und weißt: du bist in Sicherheit.

 

Gegen Nachmittag ging ich kurz zum Schweinske gegenüber und holte erstmal was ordentliches zu Essen. Das Krankenhausessen war ungenießbar und mittlerweile hatten wir seit mehr als 24 Stunden so gut wie nichts mehr gegessen.

 

Dein Papa

3 Kommentare 17.11.14 11:22, kommentieren

16. November 2014

Hallo Levi,

 

ich komme jetzt auf den Punkt und zeige Dir einen Text, den ich noch im Krankenhaus kurz nach deiner Geburt geschrieben habe:

Nach einem Abend voller Unsicherheit, Aufregung und Angst fahren wir am Mittag den 21. August 2011 mit dem Taxi ins Krankenhaus. Der Tag, an dem vor genau einem Jahr mein Leben völlig aus den Fugen geraten ist. Angststörung, tiefste spirituelle Krise, Depression. An den Folgen knabbere ich heute noch. Ein Wink des Universums, dass ein Jahr später dieser Tag der errechnete Geburtstermin unseres Sohnes werden soll? Oder alles nur ein ko(s)mischer Zufall?
Auf Grund der Schwangerschaftsdiabetis muss die Geburt heute medikamentös eingeleitet werden. Im Taxi versuche ich die aufkommenden Ängste mit Witzchen und Humor abzuwenden. Mit Erfolg. Im Krankenhaus angekommen sind wir relativ locker. So locker, wie man in so einer Situation eben sein kann. Sabrina hat sich ihrem Schicksal gefügt, die Tatsache, dass nun die Geburt folgt, akzeptiert. Im Kreißsaal angekommen die erste gute Nachricht: wir kriegen ein Familienzimmer, ich kann die ganze Zeit dabei bleiben. Darauf hin gleich die Schlechte: das medikamentöse Einleiten der Geburt wird im besten, unwarscheinlichen Fall 24 Stunden dauern. Im Normalfall 48-72 Stunden und im schlechtesten Fall 4 Tage. Sollten sich bis dahin keine Geburtseinleitenden Wehen eingestellt haben oder sollte es während dessen zu komplikationen kommen, wird das Baby per Kaiserschnitt geholt.

Während des Einleitungsvorgangs wird Sabrina immer wieder am CTG hängen, am Wehenschreiber, um Herztöne des Babys und Wehentätigkeiten aufzuzeichnen. Damit wird kontrolliert, ob der Kleine mit einem Abfall der Herztöne (Zeichen für Stress) auf die künstliche Einleitung der Wehen reagiert. Sabrina bekommt die erste 1/4 Tablette. Die Dosierung beginnt zunächst gering und soll alle 4 Stunden gesteigert werden. Dazwischen heißt es auf Wehen warten, am CTG liegen und nochmals warten. Warten, warten, warten. Ein zermürbendes Warten auf das Ungewisse. Nach der zweiten Dosis sind wir bereits fertig mit den Nerven. Dann kippt die Stimmung. Die Herztöne sacken ab. Sofort schnellt die Hebamme - ein unsensibles, proffessionelles Monster - mit samt Ärztin ins Behandlungszimmer, rammt Sabrina eine kanüle in die Hand und spritzt ihr einen Wehenhämmer. Panik trieft von den Wänden und krabbelt mir den Nacken hoch. Unser Sohn - anscheinend ein Sensibelchen wie sein Papa - hat die Wehenfördernden Medikamente nicht vertragen und reagiert mit Abfall der Herztöne. Also müssen Gegenmaßnahmen unternommen werden und die aufkommenden Wehen - wieder chemisch - gestoppt werden. Das ganze erinnert mich an polytoxe Mischkonsum Drogen-Exzesse. Die Nebenwirkungen des Einen, werden mit denen des Anderen bekämpft.

Während Sabrina den Wehenhemmer gespritzt bekommt, merkt die Ärztin an: "Jetzt kriegen sie gleich Herzklopfen". Sofort schießt ihr Puls durch die Decke, ihr Herz beginnt innerhalb von Sekunden zu rasen, zu klopfen, zu wummern. Schweissausbrüche, Hektik im Kreißsaal. Andrenalin wird ausgeschüttet. Sie fühlt sich, als kippt sie gleich aus den Latschen. Aber es wirkt, der Puls des Babys steigt wieder.

Wenig später entspannt sich die Situation, jedoch neigt sich der Plan, die Geburt einzuleiten, dem scheitern zu. Das spricht jedoch keiner Aus, denn die blöde Hebamme - die olle Hexe - erzählt ja nichts. Wir zählen schon die Stunden, bis ihre Schicht zu Ende ist und die nächste Hebamme in den Dienst kommt. Inzwischen ist es 22:00 Uhr und wir warten seit 12 Uhr am CTG auf Wehen oder weiteres Absacken der Herztöne. Die Nerven liegen blank, Erschöpfung macht sich breit. Wie sollen wir in dem Zustand weiter machen? Die eigentliche Geburt mit stundenlangen Schmerzen und Todesängsten steht uns erst noch bevor. Während dessen weiteres Absacken der Herztöne. Dieses mal kann Sabrina aber ohne weitere Wehenhämmer die Absacker „wegatmen“. Genauer gesagt: man lässt sie es versuchen und steht nicht schon mit den Hufen scharrend und der Spritze im Anschlag in den Startlöchern. Endlich hat die Hebamme Feierabend und die Ablösung kommt. Nanna, eine Halb-Afrikanerin, total nett, empathisch. Eine Erlösung. Die nächste Option steht im Raum: statt wehenfördernden Tabletten gehts nun an den Wehentropf; den kann man nämlich ausstellen, wenn es kritisch wird. Die Tabletten dagegen bleiben im Blutkreislauf, wenn sie einmal drin sind. Nanna richtet Sabrina ein gemütliches Bett im Kreißsaal her, hängt sie an den Wehentropf und dimmt das Licht. Wir sollen uns ausruhen, dösen, sagt sie. Es ist bereits nach 0:00 Uhr und wir haben noch viel vor, sind jedoch körperlich und psychisch jetzt schon an unseren Grenzen. Dabei ist noch gar nichts passiert. Der Gedanke an einen Kaiserschnitt wird für Sabrina immer attraktiver. Ich liege ebenfalls im Kreißsaal, im Geburtsbett, und versuche mit progressiver Muskelentspannung Schadensbegrenzung zu betreiben und mich irgendwie ein Bisschen abzulenken. Es klappt nicht wirklich. Sabrina hängt weiterhin am CTG und am Wehentropf. Levis Herztöne sacken ab, immer wieder und in immer kürzeren Abständen. So ist es nun also: auch den Wehentropf verträgt er nicht. Irgendwann gegen 01:00 Uhr kommt die Hebamme herein und verkündet: Auch diese Option ist gescheitert. Tom Levi reagiert zu heftig, dabei sind noch keine Geburtswehen in Aussicht, der Muttermund ist auch noch nicht geöffnet. Die Geburtswehen würde er nicht überstehen. Die Situation spitzt sich zu. Letzte Möglichkeit: Kaiserschnitt. Und zwar so schnell wie möglich.

Gemischte Gefühle, Überwältigung, Angst, Schrecken und Erleichterung. Wir fügen uns, wir sind kraftlos, nehmen unser Schicksal an. Sabrina ist auf einer gewissen Ebene froh. Endlich eine Entscheidung, endlich Klarheit. Und keinen Geburtshorrortrip. Zwar wollten wir nie einen Kaiserschnitt, aber in dieser Situation ist er eine Erlösung. Eine angstvolle Erlösung. Keine 3 Tage mehr, keine ewig erscheinenden Wehen, keine Herauszögerung. In einer Stunde, wenn der OP frei wird, geht es los. Ohne Schohnfrist, ohne Spielerei. Um kurz vor 2 Uhr wird es ernst. Nanna versucht eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Dann kommt die rabiate Ärztin und die Anästhesistin herein. Sie beginnen uns in dieser angstvollen Extremsituation die Risiken des Kaiserschnitts im Allgemeinen und die der Narkose im Speziellen runterzurattern. Das müssen sie, das ist ihre Pflicht. Trotzdem absolut unpassend. Querschnittslähmung, Aids und Hepatitis durch Blutinfusion, irreperable Schäden der Gebärmutter, Verletzung des Kindskopfes beim Aufschneiden, usw. Die Liste ist lang und grotesk. Ich versuche nicht mehr hinzuhören, zu verdrängen, die Angst sitzt mir im Nacken. Sabrina scheint äußerlich ruhig. Ich höre nur noch Schlagworte und Satzfragmente, die meine Panik noch verstärken. Jetzt geht alles schnell, sehr schnell... Ich beginne loszulassen, die Kontrolle zu verlieren und aufzugeben. Ich lasse mich von der Situation mitschleifen, agiere nicht mehr, ich reagiere nur noch automatisiert und mechanisch, treffe keine Entscheidungen mehr. Ich muss akzeptieren, muss funktionieren.

Der Film beginnt und lässt sich nicht mehr beeinflussen oder stoppen. Ich sehe mich, wie ich zusammen mit der Hebamme Sabrina im Bett liegend in den OP schiebe. Die Atmosphäre dort ist so ziemlich das Gegenteil von meiner Stimmung. Gelöste Heiterkeit und Routine. Es hat etwas davon, Sabrina - die Frau die ich liebe und die unseren Sohn in sich trägt - zur Schlachtbank zu schieben. Ich zittere innerlich, habe Angst aber ich weiß auch: jetzt ist alles, wie es ist, es ist völlig egal, wie es mir damit geht. Um mich geht es hier nicht. Die Situation wird unwideruflich weiter gehen, der Point of no Return ist überschritten, es gibt kein Zurück. Egal, ob mir das gefällt oder nicht. Auf mich muss nun verlass sein. Ich muss unseren Sohn gleich entgegen nehmen. Nicht morgen, nicht übermorgen, nein, in ca. 10 Minuten. Überwältigend. Alles ist dermaßen surreal, wie ein verrückter Traum. Ein Albtraum, der uns allerdings endlich zu unserem Sohn führt. Der Zustand ist mit keiner Droge zu vergleichen. Und ich habe schon viele verrückte Drogen ausprobiert. Ich werde mitgeschliffen in einen sterilen Umkleideraum, ziehe wie ein Roboter OP Klamotten, einen Mundschutz und Haube an und soll in einem Vorraum warten, bis die Operationsvorbereitungen abgeschlossen sind und ich dazu geholt werde. Es ist heiss, der Schweiss rinnt mir in Strömen herunter. Ich überlege, wo ich gleich hin kotzen kann. Mein Herz rast, ich fühle mich einer Ohnmacht nahe. Eine Panikattacke und in 5 Minuten soll ich in den OP. Um mich herum wuseln in routinierter Proffessionalität grün gekleidete Wesen herum, Ärzte, Krankenschwestern. Ich sehe mich selbst dazwischen, wie in einem Film. Ich bin vollkommen handlungsunfähig, habe eine Vision:

Gleich wird die perfekte, in sich geschlossene Welt meines Sohnes aufgerissen. Der Raum bricht auf, riesige Hände von noch riesigeren grün gekleideten Aliens werden ihn aus seiner Realität heraus reissen und medizinische Experimente an ihm durchführen. Die perverse Science Fictionhaftigkeit seiner Geburtserfahrung wird mir voll bewusst. Die Räumlichkeit kommt mir inzwischen vor wie eine Mischung aus UFO und Schlachthaus. Steril, metallisch und entartet. Mein Sohn tut mir leid. So leid.

Meine Panikattacke mildert sich ab, kurz bevor ich nach einer gefühlten Unendlichkeit in den OP geholt werde. Ich danke dem Universum dafür. Im OP sehe ich Sabrina auf einer Trage liegen, die Spinalanästesie wurde bereits erfolgreich durchgeführt. Sie ist von der Hüfte an Abwärts gelähmt. Kurz hinter ihrer Brust ist ein Vorhang aufgebaut, damit sie und ich nicht den eigentlichen Operationsvorgang sehen können. Die Situation ist dermaßen surreal und bedeutungsvoll zu gleich, dass es kaum zu ertragen ist. Ich frage mich, wie ich das alles jemals verarbeiten soll. In wenigen Minuten ist er da, der Moment, der unser Leben von Grund auf verändern wird. Ich halte Sabrinas Hand und sage ihr, dass alles gut ist, während ich höre, wie sie aufgeschnitten wird und bin heilfroh über den Vorhang. Ehe ich mich versehe ist es da: das erste empörte, entsetzte Brüllen unseres Sohnes. Er wird aus Sabrina herausgezerrt und uns kurz im Vorbeigehen gezeigt. Ein winziges, lila farbiges Etwas. Dann bringen ihn die Außerirdischen kurz in ihr Behandlungszimmer. Das schreien zerreisst uns fast das Herz. Und nach sich ewig anfühlenden 5 Minuten tragen sie ihn endlich wieder gut verpackt zu uns herein und legen ihn auf Sabrinas nackte Brust. Bonding. Eine lebenslange Bindung soll entstehen, wie in dem Film A.I.

Sofort beginnen wir intutiv so viel wie möglich mit ihm zu sprechen, damit er wenigstens bekannte Stimmen hört, nach dem seine Realität zusammen gebrochen ist und er schlagartig in eine neue gesetzt wurde. Es funktioniert, er hört auf zu schreien. Das Gefühl ist unglaublich und in keinster Weise zu beschreiben. Keine Worte. Mir fällt nur ein Zitat aus dem Film Contact ein:

"Sie hätten einen Dichter schicken sollen"

Jetzt geht alles ganz schnell. Die Aliens nähen Sabrina wieder zu, geben ihr unser Baby und schieben sie mit Bett wieder in den Kreißsaal. Ich ziehe die OP Klamotten aus und folge ihr wie ein Wesen aus reiner Energie. Da sehe ich sie liegen: Tränen in den Augen, einen ganz neuen, frischen Menschen auf der Brust, der noch ganz und gar nicht angekommen ist in unserer Welt. Es passiert selten, aber ich bin sprachlos. Mir fehlen die Worte.



Dein Papa

2 Kommentare 16.11.14 12:04, kommentieren

14. November 2014 Part II

Mein lieber Sohn,

ich glaube aus meinem letzten Brief an Dich geht nicht im vollen Ausmaß hervor, wie verzwickt die ganze Situation war, wie stark mein Perfektionismus sich entfaltete und in was für einer für alle Beteiligten destruktiven Paardynamik wir uns schon damals verfahren hatten. Im Therapeuten-Sprech würde man sagen: „dysfunktionale, symptomerhaltende psychosoziale Belastungsfaktoren“. Auf deutsch heißt es, dass ich unglaubliche Schuldgefühle hatte, weil es mir schlecht ging. Ich hab mir die Schuld an meiner psychischen Erkrankung und an allen Folgen, die damit einhergingen und auch deine Mama betrafen. Ich war so dermaßen verbissen in meinen therapeutischen Prozess verstrickt, dass es in meinem Kopf kaum noch ein anderes Thema gab. Deine Mama verstimmte das zunehmend genervter. Sie verstand nicht, dass ich mich mit den Ängsten so intensiv auseinander setzen musste, um sie zu überwinden – das war jedenfalls meine damalige Ansicht. Sie wollte, dass ich mich wieder dem Leben zuwende und dass nicht alles, was ich tue, jede normale Alltagssituation, die ich aufsuchte, einen therapeutischen Hintergrund hatte. Sie vermisste einfach ihren unbeschwerten, humorvollen, gelassenen Partner. Ich bemühte mich nach Kräften, diese Rolle wieder auszufüllen. Aber wie soll man humorvoll, gelassen und unbeschwert sein und sich ausschließlich auf die kommende Vaterschaft freuen und mit der Partnerin zusammen lachen, wenn man täglich schlimme Angstzustände und zunehmend auch depressive Phasen durchlebt? Einmal sagte sie mir: „Ich erkenne Dich gar nicht wieder, du bist so ernst geworden“. Das hat mich tief getroffen, hat mich unglaublich verletzt. Sie verstand nicht, dass diese schlimme Krise vor einem dreiviertel Jahr, die den Ausbruch der Angststörung kennzeichnete, nicht einfach spurlos mit ein bisschen Psychotherapie vom Tisch zu wischen war. Das tiefsitzende Trauma, die täglichen Ängste, die bis in den tiefsten Kern meiner Persönlichkeit reichende Erschütterung meines Grundvertrauens – all das realisierte sie kaum. Sie wollte, dass das Thema erledigt ist, dass wir wieder zum normalen Alltag übergehen. Ich wollte das auch, das war überhaupt mein aller größter Wunsch. Einschlafen, am nächsten Tag aufwachen und dann ist alles wieder normal. Sabrina und Jon, das rosa Zuckerwatte Gehirnschleim Dreamteam. Aber das ging nicht und jeder wusste es heimlich.

Dazu kam, dass ich vermehrt Angstzustände hatte, wenn ich mit deiner Mama zusammen Unternehmungen in „freier Wildbahn“ außerhalb der Comfortzone machte. Also ganz normale Ausflüge, Restaurantbesuche, Einkäufe u.Ä. Alleine klappte das besser. Ich zerfleischte mich und versuchte herauszufinden, wieso ich auf einmal mit deiner Mutter zusammen eine viel größere Erwartungsangst hatte als alleine. Alles war so schwer, von so viel Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen geprägt und von so wenig verständnis. Dabei wollte ich doch nur eines: dass wir uns lieb haben und immer für uns da sind.

 

Je näher der Tag deiner errechneten Geburt kam,  desto verschachtelter und komplizierter wurde mein psychischer Zustand. Neben der Freude über das Kommende, hielten jetzt auch erstmals Depressionen in mein Seelenleben Einzug. Ich hatte einfach Angst, dass ich all das, was ich leisten muss, nicht schaffe. Levi, ich möchte Dir an dieser Stelle einen Eintrag meines Tagebuches vom 1. August 2011 zitieren, 3 Wochen vor deiner Geburt. Ich schrieb damals ganze Bücher voll mit Gedanken, Notizen, Erkenntnissen aus der Therapie und allerlei anderen Kram. Im Grunde sollte mir all das Mut machen, durch das Aufschreiben sortierte ich meine Gedanken und versuchte Ordnung in das Chaos meiner Grübelthemen zu beingen.

 

 

„Ich kann bei und während der Geburt nicht mehr machen, als für Sabrina da zu sein. Es ist absolut verständlich und auch ok, wenn es mir dabei nicht die ganze Zeit gut geht [Ich hatte Angst vor Panikattacken während der Geburt] und es ist ohne Weiteres möglich, zwischendurch mal raus zu gehen. Niemand wird mir das übel nehmen, allen Männern geht es so. Deswegen hat das Krankenhaus extra Aufenthaltsräume für die werdenden  Väter. Auch wenn es bis jetzt immer so war, dass auf mich verlass war, wenn es drauf an kam – trotz Ängsten – kann es gut sein, dass sich das während der Geburt ändert. Das bedeutet keinen Rückschritt und keinen Verlust von etwas, was ich schon erreicht habe, sondern ist ein völlig verständlicher Prozess. Der Anspruch an mich selbst, dass dies nicht passieren dürfte, ist in Anbetracht meiner immer noch instabilen psychischen Verfassung völlig überspitzt und kan nur zu Frust und Depression führen. Dagegen kann eine Haltung, die beinhaltet, dass es auch für mich eine Extremsituation ist, in der alles passieren kann, nur zu einem positiven Gefühl führen, wenn das Ganze trotz allem gut über die Bühne geht.

Generell sollte ich aufhören – denn ich tendiere immer noch dazu Fortschritt und Heilung erzwingen und beschleunigen zu wollen – mich selbst zeitlich unter Druck zu setzen. Ich habe alle Zeit der Welt, ich muss nicht zu jeder Zeit perfekt funktionieren, wenn Levi auf die Welt kommt. Es ist wie es ist. Ich habe nun mal diese Ängste in normalen Alltagssituationen aber ich kann trotzdem ein guter Vater sein.

Das, was ich mir vorgenommen habe, habe ich geschafft: zum Sommer, bzw. bis zur Geburt wieder einigermaßen mit mir zurecht zu kommen, alltagsfähig zu sein und arbeiten zu können. In nur 8 Monaten Therapie und harter Arbeit an mir selbst dieses Ziel erreicht zu haben, ist ein riesen Erfolg, auf den ich stolz sein kann. Ich ahbe in dieser relativ kurzen Zeitspanne mehr an mir kennengelernt und verändert als in meinem gesamten Leben zuvor. Es ist nur allzu verständlich, dass all die Veränderungen meiner Psyche, meiner Persönlichkeit, eine Grundunsicherheit hinterlassen haben und es Phasen gibt, in denen es mir schlecht geht und ich das Gefühl habe, alles würde mir über den Kopf hinaus wachsen. Das Gefühl bedeutet aber nicht, dass die positiven Veränderungen und Fortschritte in Frage gestellt werden. Ein Grundvertrauen in mich selbst, kann sich nach dieser Erschütterung nur langsam entwickeln, daher ist es klar, dass ich auf die Phasen, in denen es mir nicht gut geht, übertrieben reagiere. Das innere Kind in mir hat einfach eine scheiß Angst davor, dass es wieder so schrecklich wird wie am Anfang der Angststörung, und schlägt sofort Alarm, wenn es nur wenige Anzeichen dafür gibt, dass sich mein Zustand wieder in eine ähnliche Richtung entwickelt. Ich will das nie wieder erleben müssen.

Das Einzige, was ich tun kann, ist so weiter zu machen wie bisher, denn mein bisheriger Weg hat schon viele Erfolge erzielt, viele Früchte getragen. Nichts bleibt für die Ewigkeit, auch Ängste und eine Erschütterung des Grundvertrauens vergeht wieder. Die Zeit heilt alle Wunden. Oder so. Wenn ich bedenke, wo ich vor einem Jahr stand, wo werde ich dann erst in einem weiteren Jahr stehen? Das sind positive Aussichten, ich muss mir nur die Zeit lassen, die ich brauche, denn Dinge erzwingen zu wollen, die aber einfach länger brauchen als man es gerne hätte, erzeugt Depression.

Es hat sich herauskristallisiert, dass ich diese Übertriebenen Erwartungen an mich auch auf Sabrina übertrage. Ich unterstelle also unbewusst und unbegründet [Aus heutiger Sicht nicht mehr unbegründet], dass sie die selben übertrieben Erwartungen und Leistungsansprüche an mich stellt, die ich selbst an mich stelle. Ich darf sie nicht enttäuschen, weil sie sich sonst schlecht fühlt, und dadurch fühle ich mich wiederum noch schlechter und der alte Teufelskreis wird neu belebt. Mein Bedürfnis nach Harmonie ist so groß, dass ich es kaum ertragen kann, wenn eine gegenseitige Enttäuschung im Raum steht, wenn ein Konflikt die Atmosphäre trübt. Mir geht es dann gleich völlig überdimensioniert, der Situation nicht angemessen übertrieben schlecht. Es scheint bei mir nur zwei Zustände zu geben: 0 oder 1. Entweder alles ist kaputt, alles ist scheiße, mir geht es schlecht, ich bin psychisch krank und die Beziehung läuft schlecht. Oder alles ist gut, alles läuft. Mit Zwischenstufen kann ich offensichtlich nicht umgehen. Deshalb tendiere ich dazu, es ihr recht zu machen und sie nicht enttäuschen zu wollen, stelle meine Bedürfnisse unter ihre, weil ich darauf nicht klar komme, wenn wir uns „nicht lieb haben“... Vermutlich weil wir in den ersten Monaten nach Ausbruch der Angststörung so viel Leid, so unendlich großen Schmerz erlebt haben. Deswegen fühle ich mich vielleicht in ihrer Gegenwart unsicher und tendiere eher zu Ängsten, weil jedes Handeln ein Schmerz und Konflikterzeugender Fehler sein könnte... [Was für eine kaputte Abhängigkeitsbeziehung...]“

 

Levi, solche und ähnliche verquere Dinge dachte und schrieb ich in mein Tagebuch. Rational konnte ich immer ganz gut Lösungen erarbeiten, emotional war ich ein einziges Wrack. Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie unterschwellig vergiftet die ganze Atmosphäre unserer Beziehung schon damals war. Aber bald würdest du ja zu uns kommen, dann würde alles besser werden, so hofften wir. Im nachhinein kann ich sagen, dass vom Paar zur Familie zu werden, ungefähr so ist, wie ein LSD-Trip auf langzeit: es macht all die unausgesprochenen, halbunbewussten Probleme der Paarbeziehung für alle beteiligten sichtbar und erlebbar.

 

Dein Papa

14.11.14 18:10, kommentieren

14. November 2014

Lieber Levi,

 

verwunderlicher Weise ging es dann doch recht schnell, dass ich mich wieder daran gewöhnte, zu arbeiten. Die ersten Tage waren sehr anstrengend, schwer und auch beängstigend. Aber ich konnte mich zügig in die neue Belastungssituation einfinden und schon nach wenigen Wochen hat es sich gut angefühlt. Natürlich ist es eine Bestätigung, wenn man einem Frontalcrash der Seele, wie ich ihn erlebt hatte, die Erfahrung macht, dass man „noch funktioniert“. Irgendwie hatte mein Absturz sogar etwas Gutes: Ich konnte mich nun deutlich besser in die Problemwelt der Menschen, die ich betreute, hineinfühlen. Nicht, dass ich nicht auch vorher schon recht emphatisch veranlagt gewesen wäre, offen, durchlässig, sensibel für unausgesprochene zwischenmenschliche Vorgänge – aber jetzt wusste ich es nicht nur theoretisch, nein, ich hatte selbst die Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn man grundlos Angstzustände hat und sich vollständig in den tiefsten Abgründen der Psyche verliert.

In der Verhaltenstherapie, zu der ich nach wie vor einmal wöchentlich ging, musste mein Therapeut sich mächtig ins Zeug legen, um mich davon zu überzeugen, dass es besser wäre, möglichst schnell wieder zu arbeiten. Generell kann man sagen: Je länger man etwas vermeidet, vor dem man Angst hat, desto größer wird die Angst davor. Und nicht umgekehrt. Hatte ich in den vergangenen Monaten immer auf den Punkt gewartet, an dem ich mich endlich bereit fühlte, ins Berufsleben zurück zu kehren, so erkannte ich nun, dass es diesen Punkt nie geben wird. Man wächst mit den Aufgaben und manchmal muss man einfach ein Risiko eingehen. Ins kalte Wasser oder über seinen eigenen Schatten springen. Den Ängsten ins Auge blicken und trotz Angst das tun, was zu tun ist. Dadrin hatte ich mittlerweile Übung durch das monatelange Konfrontationstraining, was zu ziemlich das heftigste war, was ich bisher erlebt hatte. Deine Mama war stolz darauf, dass ich mich verhältnismäßig schnell wieder aufgerappelt hatte. Und ich war auch stolz auf mich, denn schließlich war ich im Begriff Familienvater zu werden und trotz meiner immer noch vorhandenen massiven Ängste – weit weg von psychischer Stabilität - in der Lage, für meine zukünftige Familie finanziell zu sorgen. Natürlich stand ich unter einem gewaltigen Druck.  Bei der Arbeit und während Ausflügen, Arztbesuchen, Einkäufen und Ähnliches  mit den Klienten hatte ich häufig Anflüge von Ängsten, Angtzustände, aber keine Panikattacken mehr. Diese Ängste konnte ich gut verstecken. Schließlich musste ich eine gewisse Souveränität ausstrahlen, ein geerdetes, stabilisierendes Klima für die zu Betreuenden schaffen. Selbst Angstzustände zu haben, passt natürlich nicht ins Bild. Damals erzählte ich niemanden von meinen psychischen Problemen. Ich habe mich geschämt, wollte nicht, dass meine Arbeitskollegen davon erfahren. Diese Seite an mir lehnte ich ab, wollte sie nicht sehen und so schnell wie möglich ausmerzen. Also durften sie auch andere Menschen an mir nicht sehen. Trotz allem war ich in einem guten Flow, die Arbeit ging einigermaßen leicht von der Hand, die Kollegen waren nett und ich hatte wieder eine Aufgabe. Selbstbestätigung. Ich machte meinen Job verdammt gut, wenn man bedenkt, wie es in mir aussah.

 

Inzwischen hatten wir auch angefangen uns materiell darauf vorzubereiten, dass du bald zu uns kommst, lieber Levi. Wir haben von meiner Schwester ein ganzes Arsenal an Babyklammotten bekommen. Du würdest nicht glauben, was gute Babysachen kosten! Und dann braucht man auch noch alle 6 Wochen eine neue Größe. Das ist ein ganz eigener Markt. Wir brauchten eine Wickelkomode, Windeln, Spielzeug, ein Bett, Decken und und und...  Babyone, eine große Kette für Untensilien aller Art für die werdende Familie, mutierte zu unserem Stammgeschäft. Das war schon ein abgefahrenes Gefühl zu wissen: Bald werden wir Eltern, bald würde unser Leben eine ganz neue Wende bekommen. Wir werden eine richtige, kleine Familie sein. Damals wussten wir ja nicht, was noch alles passieren würde...

 

Natürlich war auch eine Menge Angst im Spiel. Ich schätze, das geht jedem Paar so, was zur Familie wird. Ich habe schon viel erlebt, aber das ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ich las „Das Papa-Handbuch“, „Mensch Papa“ und ähnliche Lektüre – aber dass man sich auf diese einschneidende Erfahrung auch mit noch so viel theoretischem Wissen nicht vorbereiten kann, hätte ich in dem Ausmaß nicht erwartet. Man liest so viel, man hört von anderen Familien Geschichten, man geht in Geburtsvorbereitungskurse, bekommt von jedem Hanswurst die besten Tipps. Nichts davon kann einen authentischen Eindruck davon vermitteln, wie es ist, seinen Sohn das erste mal in den Händen zu halten.

 

 

 

In der Zeit der Schwangerschaft war also einiges los bei uns. Mein Leben bestand im wesentlichen aus Konfrontation mit den Ängsten, bzw. angstbesetzten Situationen, Psychotherapie und Arbeit. Wenn ich noch Kraft über hatte, investierte ich sie darin, deine Mama zu Arztbesuchen zu begleiten, mich innerlich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass ich bald Vater werden würde und mit den Vorbereitungen, die es zu treffen galt. Trotzdem baute sich schon zu der Zeit eine gewisse Distanz zwischen deiner Mama und mir auf. Ihr war das zu wenig, sie hatte das Gefühl, als würde ich nicht genug an der Schwangerschaft teilhaben. Für das Wesen, was in ihrem Bauch heran wuchs – Du – der einzige Lebensinhalt. Ich hingegen musste darum kämpfen, all den Ansprüchen, die jetzt plötzlich auf mich einprasselten, gerecht zu werden. Es gab zahlreiche Krisen, Einbrüche in die Depression und Ängste, die ich zu bewältigen hatte.

Irgendwann wurde es dann ernst. Da deine Mama Schwangerschaftsdiabetis hatte, war das übliche Prozedere, dass man die Geburt zum errechneten Termin künstlich einleitet – also mit Medikamenten. Und der Termin rückte immer näher. Wir hatten uns mehrere Krankenhäuser angeschaut und uns letztlich für ein Kleines am Stadtrand entschieden. Dort solltest du das Licht der Welt erblicken.

 

Dein Papa

14.11.14 14:16, kommentieren

26. Oktober 2014

Hallo mein Sohn,

Nach einiger Zeit und großem Zweifel, ob ich das, was auf mich zu kam, gewuppt kriegen würde, unterschrieb ich einen Arbeitsvertrag für eine Stelle in einer Wohngruppe für Menschen mit geistiger Behinderung. Levi, ich kann Dir sagen: ich hatte eine scheiß Angst. Natürlich war der Job an sich nichts, was ich nicht schon x mal gemacht hätte, inhaltlich war das quasi meine comforz-zone. Ich war gut in dem, was ich tat, ein guter pädagoge. Ich hatte Ahnung, wusste worauf es ankommt und wie man den Job gut macht. Meinem Intellekt vertraute ich weiterhin. Rein rational betrachtet gab es überhaupt keinen Grund in irgendeiner Weise Angst vor dem Job zu haben. Aber rational betrachtet gab es auch keinen Grund, vor dem Bus fahren Angst zu haben. Oder vor dem Verlassen der Wohnung, vor Einkäufen, Cafe-Besuchen, vor dem Schlangestehen oder vor Aufenthalten an Orten, die weit weg von zu Hause waren. Tja, wenn Rationalität irgendetwas über die gefühlte Realität ausgesagt hätte, wäre ich längst wieder gesund. Aber das war ich nicht und so konnte ich meine Angst davor, wieder zu arbeiten, nicht verleugnen. Sie war real und es war – verdammt noch mal – die größte Sache überhaupt für mich, wieder einen Job auszuführen. Verantwortung und Belastbarkeit. Dabei konnte ich mich doch nur mit Mühe überhaupt durch Hamburg bewegen. Vor wenigen Wochen dachte ich noch, ich würde verrückt werden, eine Psychose bekommen und könnte nie wieder ein normales Leben führen. Jetzt war ich werdender Vater und in ein paar Monaten finanzieller Alleinunterhalter meiner eigenen kleinen Familie. Das Leben ist schon verrückt.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte ich in den Tagen vor meinem ersten Arbeitstag zahlreiche Panikattacken, wurde wieder ziemlich depressiv und war drauf und dran alles hinzuschmeißen. Doch deine Mama und alle anderen in meinem Umfeld redeten mir gut zu, bestätigten mich in der Annahme, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für einen kompletten Neustart. Neuer Job, bald ein Kind, Familie – ein neues Leben. Das comeback des ohn. Schon damals entwickelte sich ein Perfektionismus in mir, der mir nicht gut tat und meine Selbstakzeptanz untergrub. War ich Jahrelang immer ein nichts auf die Reihe kriegender Schludrian gewesen, der seiner eigenen verkifften Welt fröhnte, in der alles erlaubt und nichts erzwungen werden musste, so übernahmen jetzt andere Seiten meiner Persönlichkeit die Führung. Ich musste es schaffen. Und wenn nicht, war ich nicht gut genug! Ein ziemlich harter Umgang mit mir selbst, Levi. Ich wünsche Dir, dass du in deinem Leben einen liebevolleren Umgang mir dir selbst pflegst, als ich es zu dem Zeitpunkt tat. Ich hatte gefälligst zu funktionieren, schließlich war ich super und überhaupt der Tollste. Und es hing etwas ziemlich Großes davon ab: Mein Leben, meine Gesundheit. So kann man sich auch das Leben schwer machen. Druck, Druck, Druck. Das Schlimmste an der Sache war: ich selbst war es, der sich in diese Abwärtsspirale von Leistungsdruck und fehelnder Selbstakzeptanz hineinmanövriert hatte. Irgendwann entschloss ich mich, dass alle Anderen daran Schuld waren. Meine Eltern, die mir nicht beigebracht haben, Verantwortung zu übernehmen und meinen Gefühlen zu vertrauen, deine Mama, die mir in unserer Beziehung nicht mehr das geben konnte, was ich wollte, und die ganze kranke, kaputte Welt, die Medien, die mein Unterbewusstsein mit Werbung vergiften, die mir sagt, wer ich sein soll. Und überhaupt: die Ellenbogengesellschaft,  an die ich mich wieder anpassen sollte, in dem ich für Geld Arbeiten ging. Das ganze vergiftete, selbstentfremdete Leben, was wir zu führen gezwungen waren. Alle waren Schuld. Nur ich nicht. Über mich brachen unverschuldet und unangebrachter Weise - denn ich war doch mit mir im Reinen? – Panikattacken herein, die sich anfühlten, als würde ein zorniger Raubvogel  direkt aus der Fegefeuer besitz von mir ergreifen und mich zwingen, in meine ganz Persönliche Hölle einzutauchen. Aber mit welchem Zweck? War dar höhere Sinn in diesem Drama? Darauf konnte ich mir nach wie vor keinen Reim machen. Ich wusste nur: so schlecht habe ich mein Leben nicht gelebt, soetwas hatte ich nun wirklich nicht verdient. Also konnten nur die anderen schuld sein. Natürlich war auch das ein Trugschluss, ich war ganz allein für meine innere eigene Welt verantwortlich. Egogewichse der feinsten Sorte. Doch  davon erzähl ich Dir später mehr. Viel später, denn zu dieser Einsicht kam ich erst Jahre danach

An meinem ersten Arbeitstag hatte ich natürlich direkt eine Panikattacke, als der Dienst begann. Und ich blieb dennoch dort. Ich war verzweifelt, fühlte mich unfassbar scheiße, aber ich überstand das Drama irgendwie – wie genau weiß ich nicht. Als ich abends nach Hause kam war ich fix und fertig. Aber ich hatte es geschafft. Der erste Arbeitstag. Und keiner hatte gemerkt, dass ich ein Psycho bin. Juchu, man hatte mir meine Maske abgekauft.

Zuhause angekommen musste ich weinen. Alles war so schwer, so unglaublich schwer.

 

Dein Papa

 

26.10.14 20:37, kommentieren

22. Oktober 2014

Lieber Levi,

 

Während wir nun also in freudiger Erwartung deine Ankunft in unserer zukünftigen Familie entgegenfieberten, setzte der Nestbautrieb ein. Du glaubst ja gar nicht, was es kostet, allein die Basisausstattung für ein Baby anzuschaffen. Was man da nicht alles braucht! Ich könnte jetzt ins Detail gehen, aber das erspare ich mir an dieser Stelle. Fakt war: wir brauchten Geld. Da ich nicht arbeiten konnte und das schmale Friseurgehalt deiner Mama vorne und hinten nicht reichte, begannen wir damit, das Gras zu verkaufen, was ich die ganze Zeit anbaute. Ich kiffte ja sowieso nicht mehr. Alle 3 Monate konnte ich eine Ernte durchbringen, aber das reichte nicht. Also nahm ich meine frühere Zubrotquelle wieder auf und verkaufte Acid. Das war allerdings nicht wirklich tragbar, denn dadurch hatten wir ständig irgendwelche verpeilten Leute im Haus. Außerdem war es zu risikoreich als werdender Familienvater. Die Grasgeschichte war da schon deutlich besser zu bewerkstelligen. Ich gab alle paar Monate die komplette Ernte an einen Freund weiter, so hatte ich kein Stress mit einem unfangreichen Kundenstamm, der bei mir hausierte. Es musste halt nur deutlich mehr Gras angebaut werden. Levi, es ist mir unangenehm und ich will das jetzt nicht alles ausführlich darlegen, aber die Wahrheit ist nun einmal, dass alles, was Du uns schon vor deiner Geburt gekostet hast, mit Drogengeld finanziert wurde. Das war zu dem Zeitpunkt die einzige Möglichkeit, aber es konnte natürlich kein langfristiger Zustand bleiben. Also bereitete ich mich darauf vor, wieder zu arbeiten.

 

Meine Therapie ging gut voran. Es war hart, aber es funktionierte. Temperär. Es gab ettliche Rückschläge, Einbrüche und Krisen aber letzten Endes standen die Zeichen gut, dass ich bald wieder in der Lage war zu arbeiten. Deine Mama war weiterhin im Bann der Schwangerschaft. Abends lagen wir oft im Bett und ich legte ein Stofftier mit einer Spieluhr auf ihren Bauch und spielte dir Musik vor. Ich wollte ja eine Spieluhr mit „Tanz der Zuckerfee“, aber die fanden wir leider nicht. Manchmal spielte ich Dir auch Jean Michelle Jarre – Equinoxe Part 2 vor.

 

https://www.youtube.com/watch?v=v72kceqZ8W0

Ein Lied, was ich als Kind auch schon gehört hatte und oft dabei eingeschlafen war. Ein Lied, was mein Herz berührte. Ich wollte Dir schon im Mutterleib meine Vorliebe für solche Musik einbläuen ;-) Ein anderes Lied, was ich Dir vorspielte, war Ganja Beats – Floating in Rainbowbubbles.

https://www.youtube.com/watch?v=EaWco16U-KU

Das hast du auch später gerne gehört, wenn du später gestillt wurdest.

Ach Levi, ich erinnere mich gerne an die Zeit zurück. Der Bauch deiner Mama wurde immer dicker, du wurdest immer realer. Manchmal konnten wir deine Bewegungen sehen, wenn Du deiner Mama wieder mal von innen einen Tritt verpasst hast ;-)

 

Mein Projekt, bald wieder ein normales Leben zu führen, zu arbeiten, für meine Familie sorgen zu können und einen kompletten Neustart hinzulegen, nahm langsam Formen an. Die tiefer liegende Unzufriedenheit vergaß ich dabei schnell. Die Jobsuche begann. Levi, wieder Arbeiten? Das war mit großen Ängsten verbunden. Zwar konnte ich inzwischen wieder einigermaßen normal meinen Alltag bewältigen, aber die Ängste waren ja nicht weg. Ich konnte nur besser mit ihnen umgehen. Aber arbeiten? War ich wirklich schon so weit? Mein therapeut war der Meinung, meine Angst davor würde nur umso größer werden, je länger ich damit warten würde. Diese Phase war nicht nur geprägt von Existenzängsten und großer Vorfreude, sondern auch von einem Hin und Her. Immer zwei Schritte voran und einen Schritt zurück. Es war hart. Jeden Tag setzte ich mich ganz normalen Alltagssituationen aus, vor denen ich Angst hatte. Konfrontation. Das war das einzige Mittel, was die Verhaltenstherapie kannte. Und ich war davon voll überzeugt. Es war quasi meine neue Religion. Der Kampf gegen die Ängste. Wenn ich mich nur lange genug in dieAngstsituationen begab und drin blieb, bis die Ängste weniger wurden, würde ich mein Gehirn reprogrammieren können. Ich würde wieder gesund werden. Ein einziger Kampf gegen mich selbst.

 

Währenddessen schrieb ich ganze Bücher voll mit Gedanken, Notizen, Erkenntnissen. Ich war voll im Flow. Meinen psychischen Problemen hatte ich den Kampf angesagt und es war nur eine Frage der Zeit, sie zu besiegen.  Irgendwann fühlte ich mich bereit, wieder ins normale Leben einzutauchen.  Meinen job, der zeitlich befristet war, hatte ich inzwischen verloren. Die Vertragsverlängerung hätte in der Zeit, in der ich krank geschrieben war, stattfinden sollen. So trennten sie sich im gegenseitigen Einvernehmen von mir. War mir nur recht. Der Job war zwar nett, die Cheffin allerdings scheiße und die Klienten nervig. Außerdem hatte ich immer besagte 24 Stundenschichten. Das war in der jetzigen Situation weit über meiner Belastungsfähigkeit. Also bewarb ich mich bei ein paar anderen Trägern für Wohngruppen. Wieder Menschen mit Assistenzbedarf. Nur, dass ich jetzt selbst Assistenzbedarf hatte. Die Vorstellungsgespräche waren immer ziemlich strange. Ich konnte zwar gut sabbeln, mich gut verkaufen, wusste genau, was die Leute hören wollten, aber wohl fühlte ich mich dabei nicht. Das war der Startpunkt, an dem ich anfing, meine Gefühle und inneren Stimmungen nicht mehr nach außen zu tragen. Wie denn auch? Sollte ich sagen, dass ich gerade krasse Angstzustände hatte, während ich ich die Bewerbungsgespräche führte? Ich trug eine Maske, der Schein von Souverenität. Auf dem Papier war ich noch der in sich ruhende, kompetente Ohn, der sich bestens in seinem Beruf auskannte und immer geerdet und stabil rüberkam. Währenddessen hatte ich Panikattacken und fühlte mich wieder einmal... wie ein Heuchler. Nicht, dass das alles nur Show gewesen wäre. Ich trug weiterhin die eine Seite meiner Persönlichkeit in mir und zeigte sie nach Außen. Der tolle gechillte ohn, der mit jeder Problemsituation umgehen konnte und immer eine Lösung wusste, egal für welches Problem. Das war ich. Aber das war eben nur eine Seite. Die andere Seite war zutiefst verunsichert, schockiert, desillusioniert und verängstigt. Ich tat mein Bestes, um nur meine Schokoladenseite zu zeigen. Schließlich war ich potentieller Familienvater.  Schwäche konnte ich mir nicht leisten.

 

Dein Papa

 

 

22.10.14 21:33, kommentieren

20. Oktober 2014

Lieber Levi,

 

Ja, nun waren „wir“ also schwanger. So sagt man das doch heutzutage oder? An dieser Stelle möchte ich vorweg nehmen, dass ich in der Schwangerschaft fast mehr zugenommen habe, als deine Mama ;-) Das Bemerkenswerte war, dass mich die Neuigkeit gar nicht so überrascht hat, wie man hätte denken können. Levi, da du mein Sohn bist, möchte ich dir an dieser Stelle Details über die Empfängnisverhütungsmethoden deiner Eltern ersparen... Daran lag es aber auch nicht. Ich hatte schon seit Wochen ein Gefühl, was ich nicht näher beschreiben kann. Deine Mama war irgendwie verändert. In Anbetracht der allgemeinen Situation, war das ja nicht verwunderlich – aber trotzdem. Ich ahnte etwas und als deine Mama mir die Nachricht überbrachte, fühlte ich mich nur bestätigt, keines Falles überrascht oder überrumpelt. Darüber war sie sehr froh, hatte sie doch den ganzen Tag hin und her überlegt, wie sie mir das am besten sagen könnte. Klar, aus heutiger Sicht war es in der Situation im Grunde Wahnsinn, eine Familie zu gründen. Tausend Vernunftsgründe sprachen dagegen, jeder hätte uns davon abgeraten. Papa psychisch krank, Beziehung am kriseln. Aber damals kam uns die Möglichkeit ein Kind zu bekommen, zur Familie zu werden, wie die Antwort auf alle unsere Fragen vor. Das würde uns wieder zusammenschweißen, das würde mir eine neue Identität als Vater vermitteln, das ist unsere Bestimmung. Wie beide, das Dreamteam, Ohn und Rebella werden Mama und Papa – eine tolle Zukunftsvision. Das irrwitzige an der ganzen Sache war – und das fasste ich als ein Wink des Universums auf – der errechnete Geburtstermin war auf den Tag genau 1 Jahr nach dem meine Angststörung begann. Nämlich am 21. August 2011. Wenn das kein Zeichen war?! Ich bin nicht abergläubisch, aber das musste doch Schicksal sein. Wir freuten uns. Natürlich hatten wir auch Angst. Aber die Freude überwiegte. Bald – was sind schon 9 Monate – werden wir eine Familie sein, die zusammenhält, was auch immer passieren mag. Wir hatten ja auch schon ein perfektes Zimmer für Dich, Levi.

 

Das war schön, das war beflügelnd, geradezu überwältigend. Man kann das Gefühl zu wissen, dass man Vater wird,  nicht in Worte fassen. Das toppt jede Droge. Nur deine Geburt war noch Eindrucksvoller. Aber davon erzähle ich Dir später. Endlich hatte ich einen Grund, weiter zu machen, endlich hatte ich ein Ziel. Den errechneten Geburtstermin. Bis zu dem Zeitpunkt musste ich wenigstens wieder einigrmaßen klar kommen. Schließlich wollte ich deiner Mama beistehen und Dir, meinem Sohn, zu einem perfektenStart in diese Welt verhelfen. Was für ein Druck, was für ein Irrsinn! Ich zählte die Tage. 240 hatte ich noch, bis dahin musste ich wieder gesund sein. Was für ein Wahnsinn, was für eine Motivation! Was für ein unfassbar großer Stein, den ich von nun an auf meinen Schultern trug. Also stürzte ich mich noch viel eifriger in die Therapie, in das tägliche Konfrontationstraining. Es gab ein Ziel. Das bestimmte jetzt den Hauptteil meines Lebensinhaltes: schnell wieder gesund werden, schnell wieder klar kommen, arbeiten können, ein Vater sein, Verantwortung übernehmen für ein Kind – wo ich zu der Zeit doch noch nicht mal Verantwortung für mich selbst übernehmen konnte.

 

Man kann sagen, dass deine Mama und ich uns schon zu diesem Zeitpunkt voneinander entfernten. Traurig aber wahr. Mein Lebensinhalt war die Therapie – schließlich stand ich unter Zeitdruck. Der Lebensinhalt deiner Mama war selbstverständlich die Schwangerschaft und alles, was damit zusammen hing. Entsprechend wurden immer häufiger mehr oder weniger subtile Vorwürfe laut. Ich müsste mich mehr für die Schwangerschaft, für unsere Zukunft interessieren, sollte mehr an der Entwicklung des kleinen Wesens teilhaben, was im Bauch deiner Mama wuchs – an Dir. Dabei gab es doch in meinem Kopf nichts anderes. Nur äußerte sich das anders als bei Ihr.

 

Ein Meilenstein war  der Frauenarztbesuch, bei dem wir zum ersten mal auf dem Ultraschallbild Dein kleines Herz schlagen sahen. Das war überweältigend. Ich fühlte mich wie auf einer Überdosis MDMA, nur viel besser, denn es war echt. Du warst echt, wir waren echt. Dein schneller klopfender Herzschlag zauberte einen unfassbar bewegenden Realismus in die ganze Sache. Vorher war alles theoretisch, diffus – es war Kopfsache. Wir wussten, du bist da, aber jetzt sahen wir zum ersten mal: Du bist wirklich da! Du wächst und gedeihst. Es war unglaublich schön. Beschwingt standen wir nach dem Arztbesuch an der Bushaltestelle und hielten uns bis ins Tiefste gerührt in den Armen. Das war die Wirklichkeit. Wir verschmolzen zu einer Familie.Du wurdest real.  Du, deine Mama und ich. Ohn und Rebella.  Der Flash unseres Lebens.

 

 

Dein Papa

1 Kommentar 20.10.14 20:42, kommentieren

19. Oktober 2014

Mein lieber Levi,

 

Zwei Dinge aus den drei Horror-Wochen bei meiner Mutter möchte ich dir noch nachtragend erzählen. Es sind zwei Szenen, an die ich mich sehr genau erinnere, obwohl – wie schon gesagt – die Zeit in meiner Erinnerung größtenteils nur ein Brei aus abgrundtiefen Leid ist.

 

Nach dem ich mich etwas aklimatisiert hatte und mich aus meinem ehemaligen Zimmer im ersten Stock heraus traute, saß ich unten auf der Couch und diskutierte mit meiner Mutter. Ich stellte mir die Frage, wie man denn im Leben glücklich und psychisch gesund sein kann, wenn alles, was das eigene Leben ausgezeichnet hat, in sich zusammen gebrochen ist. Wenn sich alles als Illusion, als krankmachender Irrweg herauskristalisiert hat und die alte Identität zerfallen war -  wie wird man denn dann glücklich? Was macht normale Menschen glücklich, die normale Leben führen und sich nicht jeden Tag mit Gras und Alk abdichten und am Wochenende Partydrogen und Halluzionogene nehmen? Das fragte ich mich ernsthaft, voller Verzweiflung, voller Zorn und mit vielen Fragezeichen im Gesicht, in der tiefsten Depression feststeckend. Wie verdammt noch mal findet man einen Sinn, der dem Leben bedeutung verleiht, der Zufriedenheit und Frohsinn stiftet? Das war ein großes Rätsel für mich. Mir war klar, dass ich meinem Leben eine ganz neue Richtung verleihen musste, um aus der Misere wieder heraus zu kommen. Mir war auch klar, dass die ganzen Drogen und artverwandte Themen jetzt erstmal ein Relikt aus früherer Zeit waren. Irgendwie musste es weiter gehen. Aber wie und wohin? Irgendwann  hatte ich einen Geistesblitz. Familie! Natürlich, Kinder, Familie. Das ist doch der Sinn des Lebens, das macht normale Menschen glücklich. Bestimmt auch mich.

 

Levi, um die zweite Szene, an die ich mich sehr genau erinnere, zu beschreiben, möchte ich dir einen Auszug aus einem Bericht zeigen, den ich ca 2 Jahr zuvor nach einem sehr intensiven LSD Trip geschrieben hatte.

 

„Alle Gedanken, die ich hatte, waren von Bildern begleitet, die in der charakteristischsten situation stoppten und von Gefühlsausdrücken wie in alten Batmanfilmen begleitet wurden. „Zack“, „Boing“, „Dong“ etc. Optisch sah das ganze schon fast profan aus, wie eine Powerpointpräsentation mit viel zu viel Effekten.  Absurd einfach, lächerlig billig.
Einzelnen Szenen wurde eine Art Post-It aufgedrückt, welches die Situation charakterisierte. Es ploppte immer weiter. Das ganze ist fast nicht in Worte zu fassen, so eine kitchige, absurd wirkende optische Darstellung von Erkenntnissen habe ich während einer psychedelischen Erfahrung nie zuvor erlebt. Irgendwann sah ich dann eine Art komplexes, dreidimensionales, vermustertes Schloss vor mir und spürte die Präsenz von irgendeiner Identität, die von mir forderte, irgendetwas bestimmtes zu erreichen. Eine Mission, ein Ziel, eine Erkenntnis. Wie eine zweite Persönlichkeit. Nach dem Motto „Nun mach doch endlich“, oder „Na? Hat er es schon?“. Wartend, bis ich endlich die tiefere Bedeutung des mir Dargebotenen verstand. Leicht spöttisch und ironisch beurteilte meine schizophrene zweite Hälfte meine eigenen Gedankengänge.

Ich sollte bestimmte Erkenntnisse haben, die wichtig sind, um in dem Konstrukt weiter zu kommen. Meist drehte ich mich mit meinen Gedanken um kreis herum oder verzweigte mich in viele Richtungen. Irgendwann hatte ich dann die gewünschte Erkenntnis, um weiter zu kommen. Das ganze Schloss-System leuchtete kurz auf, wie in einem Videospiel. Als hätte ich ein Rätsel gelöst, oder einen Cheat eingegeben, legte ich mit der Erkenntnis den Schalter um und drang damit tiefer in das vieldimensionale Schloss ein, dessen einzelne Komponenten verschieden tiefe Bereiche meines Unterbewusstseins umfassten. Die einzelnen Schloss-Zähne verhakten sich in verschiedenen Facetten der Gesamtproblematik. Mit jeder Erkenntnis wurde der Rahmen des Verstehen größer, mit jedem „bestandenem“ Gedankengang kam ich tiefer. Im Hintergrund immer noch diese Identität, die mich beurteilte und mich spöttisch dazu anhielt, weiter zu kommen. Kam ich weiter, ertönten laute Geräusche wie auf dem Jahrmarkt und Sprachfetzen wie „Ahh, jetzt hat ers ja doch..“

Alles zuvor wurde mit jeder Stufe, jedem Level, in einen neuen Zusammenhang gestellt. Wenn ich den falschen Gedankengang verfolgte, der mich zu einer falschen Erkenntnis brachte, die in dem Moment nicht relevant für die Gesamtproblematik war, ertönten zeichentrickmäßige, zirkusartige Geräusche des Scheiterns, des Verlierens, und völlig profan aussehende clownartige Gestalten erschienen kurz, verdrehten die Augen, machten ein doofes Gesicht und streckten die Zunge schräg in die andere Richtung . Das ganze wirkte, als würde man grundlegendes, unglaublich wichtiges, spirituelles Wissen mit völlig unzureichenden, lächerlich absurd wirkenden, billigen Mitteln darstellen. Aber es passte jedes mal hundertprozentig. Es war so absurd. Jedes dieser Bilder erfasste mit einer Genialität den Knackpunkt des Gedankengangs, dass es schon nicht mehr zu fassen war. Worte können das nicht annähernd beschreiben. Es ist eine art von ironischer, tragischer Komik, mit der LSD die Dinge bildlich auf den Punkt bringt.“

 

Warum ich dir das hier erzähle? Weil es zu tun hat mit der zweiten Szene, an die ich mich erinnern kann. Ich lag auf dem Bett, machte eine meditative Entspannungsübung, um mich von einer Angstattacke zu erholen, als plötzlich eine Erkenntnis im Raum stand, die von den gleichen symbolhaften Clowngesichtern als genau richtig und der Wahrheit entsprechend „kommentiert“ wurde. Das Bild, der Gedanke, der Inhalt, die Erkenntnis musste also die reine, tief hinter den Ängsten liegende Wahrheit sein, da war ich mir sicher. Ich brach sofort die Meditation ab, sprang auf,  lief panisch ins Erdgeschoss hinunter, um mit meiner Mutter zu sprechen. Das durfte nicht wahr sein. Aber sie war nicht da. Ich musste jedoch mit Jemanden reden, also rief ich meine Schwester in Spanien an. Ich kann mich noch an den genauen Wortlaut erinnern, den ich ins Telefon stammelte:

 

„Ich glaube ich verstehe langsam, was hier passiert und was mir solche Angst macht. Aber das, was ich sehe, gefällt mir überhaupt nicht!!!“

 

Natürlich gefiel es mir nicht. Wenn mir diese „verdrängte Wahrheit“ gefallen hätte, hätte sie ja nicht zu solchen Ängsten geführt. Diese „Wahrheit“ bestand im Wesentlichen in den Gefühlen der Unzufriedenheit mit - und des Festsitzens in der Beziehung zu deiner Mama, die ich eigentlich gar nicht mehr wollte, lieber Levi. Wie ich in den ersten Briefen schon angedeutet hatte, steckte hinter der ganzen scheinbaren Idylle längst eine Lüge. Das wollte ich nun wirklich nicht sehen, das konnte und durfte auf gar kein Fall wahr sein. Ich kann mit Worten nur schwer das Gefühl beschreiben, was in dieser Szene nicht mehr abzustreiten war. Es ist dieser ganz spezielle Moment, wenn alles Illusionäre von Dir abfällt und Du mit der Tragik deiner Verdrängung konfrontiert wirst: Der Moment, wenn die Tatsachen nackt sind. Das kannte ich bisher in der Form nur von LSD. Primitive, tiefunbewusste Gefühle von Scharm, Schuld und Entsetzen standen im Raum. Und zwar in einer Intensität, wie sie sonst nur Babys erleben, die zum ersten Mal überhaupt in diese Gefühle eintauchen und sie völlig filterlos wahrnehmen. Ohne jede intellektbetonte Färbung oder Bewertung. Pure Emotion, bis in den tiefsten Kern des Selbst. So muss es sein, wenn man plötzlich erfährt, dass man adoptiert ist.

 

Levi, diese beiden Einsichten in Kombination waren damals natürlich ein riesen großer Konflikt, den ich in keinster Weise bewusst verarbeiten konnte. Auf der einen Seite war die Antwort auf alle meine Sinnfragen: wir mussten eine Familie werden, nur so würde ich meinen Platz im Leben wieder finden, nur so würde ich gesund werden. Auf der anderen Seite die Faust, die mir ins Gesicht schlug und mir sagte: du liebst sie gar nicht mehr, du willst nur nicht das letzte verlieren, was dir aus deinem früheren Leben noch geblieben ist, du verdammter Heuchler.

 

Dann verschloss ich die Augen schnell wieder vor dem, was ich gesehen hatte. Und hatte nur noch inhaltslose Angst. Das war erträglicher. 

 

Dein Papa

19.10.14 18:56, kommentieren

18. Oktober 2014

Moin Levi,

 

Zurück zur Ausgangssituation. Ich war also wieder Zuhause. Zurück in meiner Wohnung, zurück bei deiner Mama und ich war im Begriff, die kognitive Verhaltenstherapie zu beginnen. Mir ging es alles andere als gut, aber ich hatte nicht mehr den ganzen Tag Panikattacken. Dafür weiterhin ein ziemlich geöffnetes, filterloses Grundgefühl in meiner Wahrnehmung. Jeden abend, wenn ich endlich einschlief – meine Schlafprobleme hatten sich nur unwesentlich verbessert – hoffte ich, dass ich die Welt und mich selbst am nächsten Morgen wieder normal wahrnehmen würde; dass ich wieder der Alte sein werde. Aber es passierte nicht. Es wurde kein Schalter über Nacht umgelegt. Offenbar gab es kein zurück. Das zu akzeptieren, war für mich sehr, sehr leidvoll und mit großen Ängsten und Depressionen verbunden. Allerdings hatte ich inzwischen eine Vorstellung davon, was mit mir passierte. Agoraphobie, Angststörung. Das gab mir einen Hauch von Sicherheit zurück. Diese filterlose Wahrnehmung würde nicht von einen Tag auf den anderen verschwinden, das wusste ich. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zu letzt. Hätte ich an Gott geglaubt, hätte ich sicher jeden Abend gebetet. Aber das tat ich nicht. Stattdessen versuchte ich mich mit Filmen abzulenken. Harmlose Filme, denn ich war hochsensibel und kam auf nichts mehr klar, was eine gewisse Reizüberflutung beinhaltete. Also quasi alles. Selbst wenn das Eisbärbaby in der Doku „Planet Earth“, die ich bis dahin wegen der tollen Bilder gerne geschaut hatte, den Berg herunterkullerte, bekam ich Angst... Der arme Eisbär!

 

Hört sich lustiger an, als es war. Da blieben nur romantische Komödien oder Alf-Folgen. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film About a Boy in der Zeit gesehen habe. Es waren dutzende Male. Manchmal weinte ich mich in den Schlaf. Nachts wachte ich schweißgebadet mit Schlimmen Albträumen auf. Alles war kaputt, mein Leben war gescheitert. Durchgeknallt. Endgültig. Psychisch krank, hängengeblieben. Was für ein unglaubliches Drama, was für ein Fiasko! Diese absolute Bewertung der Situation wechselte sich ab mit Zuversicht, denn ich hatte ja einen Plan, wie ich aus der Misere wieder heraus kommen würde. Aber der Berg, den es dafür zu überwinden galt, erschien mir fast unüberwindbar. Hätte ich zu dem Zeitpunkt gewusst, dass ich 4 Jahre später immer noch mit den Problemen zu tun haben werde, hätte ich mir das Leben genommen. Das ist kein Scherz, lieber Levi.

 

Deine Mama war froh, als die Therapie endlich begann. Und ich auch. Ich kann mich noch sehr gut an die erste Sitzung erinnern, zu der ich mit dem Taxi fuhr, weil es für mich mit starken Ängsten und immenser Anstrengung verbunden gewesen wäre, mit Bus und Bahn zu fahren. Ich war in einem Institut für Verhaltenstherapie, in dem es viele Therapeuten gab. Ich erinnere mich genau, wie scheiße ich mich fühlte, als ich im Wartezimmer saß. Früher – das hieß vor 6 Wochen noch - hatte ich selbst psychisch kranken und behinderten Menschen geholfen und jetzt saß ich hier und musste mir eingestehen: ich bin wohl doch nicht der tollste Typ überhaupt, der über alles erhaben und allwissend ist. Verzweiflung. Ich brauche Hilfe von Leuten, denen gegenüber ich nicht das geringste Vertrauen an den Tag legen konnte und deren Kompetenz ich für ein Gerücht hielt. Na ja, zumindest war ein Fortschritt zu verzeichnen. Ich war nicht besoffen und nicht auf Benzos und konnte trotzdem im Wartezimmer sitzen. Ich hatte inzwischen jeglichen Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen eingestellt. Das allein war schon schlimm und sauschwer für mich. Mit mir im Wartezimmer saßen ein paar weitere Psychos, die ebenfalls auf ihre Therapeuten warteten. Immer, wenn einer kam, hoffte ich, dass das nicht meiner ist... Irgendwann kam eine völlig verbiesterte, verbitterte Hornbrillenträgerin in karrierter Bluse, ende dreissig, schlacksig, x-Beine und fragte in den Raum: „Herr Ohn?“ Das, was ich empfand, lässt sich am besten mit folgendem Bild zusammen fassen:


 

Nun, was soll ich sagen? Ich saß im Therapiezimmer auf dem Sessel und beantwortete eine Reihe seltendämlicher Fragen. So kam es mir jedenfalls vor. Wenn ich nicht gerade davon erzählen sollte, was die Angst mit mir macht oder ob ich schon immer ein Helfersyndrom hatte, hielt sie nicht enden wollende Monologe. Innerlich wartete ich, dass dieses Fiasko, was sich psychotherapeutische Sitzung schimpfte, endlich zu ende war. Sowas sollte mir helfen? Das konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Auch mein Fass hat Grenzen, und wenn es stetig reintropft, dann ist irgendwann der Boden raus! ;-) Irgendwann wurde es mir zu doof und ich unterbrach die gute Frau, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, mit dem Einwand: „Ich möchte das an dieser Stelle beenden und einen anderen Psychotherapeuten haben“. Ihre eh schon verbiesterte Miene verzog sich ins Bodenlose und das Elend war vorbei.

 

Eine Woche später hatte ich die nächste Sitzung. Bei einem anderen Therapeuten im selben Institut. Diesmal ein Mann. Glatze, kreisrunde Brille, klein aber gewitzt. Er erinnerte mich stark an eine langjährige Internetbekanntschaft, die ich nur einmal persönlich getroffen und mit der ich zusammen LSD genommen hatte. Ein Volltreffer. Für mich als Drogenfreund war natürlich beeindruckend, dass er von der Materie wenigstens Ahnung zu haben schien. Während seine Vorgängerin mich mit Fragen wie „Welche Gefühle wollen sie denn mit ihrem LSD-Konsum verdrängen?“ langweilte, wollte der kleine Glatzköpf wissen, ob ich eher Indica oder Sativa Grassorten rauchte, ob ich MDMA in Kristallform oder in Form von XTC-Tabletten konsumierte und ob ich halluzinogene Pilze eher auf Partys oder in der Natur nahm. Selbst exotische Designerdrogen wie 2C-B, DOM, 2CT-7 und Ähnliches kannte er. Jackpott, dachte ich. Ich kam sehr gut mit ihm zurecht, er schien kompetent zu sein und ich war gewillt, mit ihm einen therapeutischen Prozess zu beginnen. Einen langwierigen, harten Prozess der Persönlichkeitsveränderung, der sehr anstrengend und mit vielen Ängsten, Depressionen und Rückschlägen verbunden sein wird, das war von Anfang an klar. Schließlich war ich schwerkrank.

 

Immerhin war ich krank geschrieben. Ich war ja kaum in der Lage, mich durch Hamburg zu bewegen. So konnte ich mich also ausschließlich auf die Therapie konzentrieren und völlig ohne Druck an meinem großen Ziel arbeiten: die Rückkehr des Ohn, meine Gesundung, den Schlüssel zurück zur Normalität finden. Ein Kraftakt, der nicht mit anderen Verpflichtungen oder Erwartungen, die an mich gestellt wurden, zu vereinbaren war. Es gab in meiner Welt nur noch mich. Ich wollte wieder gesund werden. Koste es, was es wolle. Für andere Menschen außer mich hatte ich keine Kraft mehr. Sehr unschön für deine Mama. Als ich ich meine zweite Sitzung absolviert hatte und nach Hause kam, war deine Mama merkwürdiger Weise schon da. Eigentlich hätte sie bis Abends arbeiten müssen. Ich öffnete die Haustür, sie kam mir entgegen, nahm mich in den Arm und sagte, sie müsste mir etwas erzählen. Wir setzen uns auf ihr Bett und sie druckste ein wenig herum, bis sie sich dazu durchrang mir zu sagen:

 

„Ich bin schwanger“

 

Dein Papa

18.10.14 20:00, kommentieren